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Die Tyrannei der Gewalt

Die Tyrannei der Gewalt - Viele Südafrikaner sind gegenüber der Kriminalität abgestumpft - und werfen der Presse vor, durch das Melden von Tatsachen Hysterie zu schüren Nach einer Reise ins Innere von Afrika hat man bei der Rückke...


Die Tyrannei der Gewalt

- Viele Südafrikaner sind gegenüber der Kriminalität abgestumpft - und
werfen der Presse vor, durch das Melden von Tatsachen Hysterie zu schüren

Nach einer Reise ins Innere von Afrika hat man bei der Rückkehr ans Kap
jedesmal das Gefühl, in eine andere Welt zurückzukehren - im guten wie im
schlechten Sinne. Während viele afrikanische Städte zerfallen und in Armut
und Dreck ersticken, ist Kapstadt sauber, dynamisch und ungemein attraktiv.
Anders als zum Beispiel in Harare oder Luanda gibt es hier Straßenschilder
und die Highways wimmeln vor neuen Autos. Doch neben all dem Reichtum und
der Schönheit gibt es Armut und Angst. Viele Menschen, schwarz wie weiß,
fürchten latent die hohe Gewalt und ihr eines Tages zum Opfer zu fallen. Wer
es, vor allem als ausländischer Beobachter, jedoch wagt, hin und wieder
darüber zu schreiben, zieht sich rasch den Unmut von Politikern und
Diplomaten zu.

Doch auch einfache Südafrikaner empfinden jedwede Kritik an der vermeintlich
so harmonischen Regenbogennation oft als eine Form der Nestbeschmutzung,
jedenfalls solange sie nicht selbst direkt von der Gewalt betroffen sind.
Vor allem viele Bleichgesichter sind spätestens nach den verbalen Ausfällen
von Präsident Thabo Mbeki gegen den Chef des führenden
Wirtschaftsunternehmens von einer geradezu panischen Angst beseelt, bei den
Machthabern anzuecken. Einigen ist vielleicht noch der Fall eines
Topmanagers in Erinnerung: Als publik wurde, dass er Zeitungsausschnitte
über die Gewalt am Kap an Geschäftspartner ins Ausland schickte, wurde er
landesweit verbal an den Pranger gestellt. Von mangelndem Patriotismus war
die Rede, ja von üblem Rassismus. Die fristlose Entlassung folgte auf dem
Fuß.

Wie empfindlich viele Südafrikaner auf das Thema Gewalt reagieren, erlebte
ich zuletzt auf einem Botschaftsempfang, in dessen Verlauf mich gleich zwei
Gesprächspartner vorwurfsvoll auf ein kurz zuvor verfasstes Porträt zu
Johannesburg ansprachen. Darin hatte ich neben der Dynamik der Stadt und
ihrem rauen Charme auch die hohe Kriminalität erwähnt. Schließlich wurden
allein in Johannesburg mit seinen rund fünf bis sechs Mill. Einwohnern im
Jahr 2003 doppelt soviel Menschen ermordet wie in ganz Deutschland mit
seinen 82 Mill. ein, wie ich dachte, nicht gänzlich uninteressanter
Vergleich.

Die Anwürfe sind stets die gleichen: der Artikel schaffe nicht ausreichend
Kontext über die Ursachen der Gewalt und das Milieu, in dem sie stattfinden.
Oder es wird moniert, das Stück verenge die Wahrnehmung der Stadt auf ein
Stereotyp, das mit der Lebenswirklichkeit wenig zu tun habe. Erstaunlich
daran ist für mich vor allem, wie viele Südafrikaner sich inzwischen mit
einem Ausmaß an Gewalt abgefunden haben, das ausser von einigen
Bürgerkriegszonen weltweit nur noch von Kolumbien und Jamaika übertroffen
wird. Es scheint nur wenige am Kap Lebende zu stören, dass man in Südafrika,
anders als in Europa, nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch durch den
eigenen Vorort, geschweige denn die Innenstädte des Landes schlendern kann.
Statt dessen bewegen sich viele (oft unbewusst) von einer Sicherheitszone
zur nächsten aus der eigenen Wohnung zur Schule oder dem Arbeitsplatz,
später zum Fitnessclub oder ins Restaurant, und vielleicht auch noch zum
Strand, aber selbst den besucht man nur am hellichten Tag. Weil der Staat
dem gewalttätigen Treiben weitgehend tatenlos zuschaut, verschanzen sich
immer mehr Menschen hinter mannshohen Mauern, Stacheldraht und schwer
vergitterten Fenstern.

Die Regierung, die seit längerem Statistiken zur Kriminalität nur noch
sporadisch herausgibt, macht ihrerseits geltend, dass die Gewalt stagniere
und in einigen Bereichen wie etwa bei Morden, sogar rückläufig sei. Dass
dieses Niveau unakzeptabel hoch ist, wird gerne verschwiegen. Immerhin
wurden letztes Jahr in Südafrika fast 19.000 Mordfälle registriert, womit
die Rate neunmal höher lag als in den USA und 27 Mal höher als in
Großbritannien. Wer dazu Fragen stellt, wird schnell zutrechtgewiesen.Erst
letzte Woche platzte Polizeichef Jackie Selebi bei einer Anhörung im
Parlament der Kragen: er habe Wichtigeres zu tun, als all die Fragen der
Opposition zur Gewalt zu beantworten, entfuhr es dem höchsten Polizisten des
Landes.

Dies ist umso unverständlicher, als organisierte Banden allein im Großraum
Johannesburg/Pretoria (Provinz Gauteng) zwischen Januar und Juli 56 Mal
Einkaufszentren überfielen. Inzwischen warnt die Polizei bereits davor, dass
selbst der Schaufensterbummel in der Wirtschaftsmetropole des Landes nicht
mehr sicher sei, weil jeder dabei zum Opfer werden könne. "Die Täter haben
keine Skrupel auf Supermarkt- und Restaurantkunden zu schießen, wenn diese
bei einem Überfall im Weg stehen", sagt der stellvertretende Polizeichef der
Provinz Gauteng. Bis zu dreimal am Tag werden Restaurants und
Einkaufszentren dort inzwischen durchschnittlich von bewaffneten Gruppen
terrorisiert.

Selbst Kirchen sind nicht mehr sicher. Von der Polizei in der Küstenstadt
Durban war zu vernehmen, dass Banden Woche für Woche bis zu drei
Gotteshäuser überfallen, und die Besuchern um Bargeld, Autos, Schmuck oder
Handys erleichtern. Vor kurzem sollen vier Kriminelle 50 Kirchengänger
bedrängt haben. Sie raubten ihnen Schmuck und missbrauchten dabei sogar
einige der Frauen.

Neben diesen "leicht verwundbaren Zielen" (soft targets) hat auch die Zahl
der Überfälle auf Banken und Geldtransporter mit Todesfolge stark
zugenommen. Bei den Überfällen auf Geldtransporte blockieren oft 20 bis 30
bewaffnete Gangster ganze Autobahnabschnitte und erzwingen die Herausgabe
des Bargelds durch wüste Schießereien. Letzten Monat wurden in der Provinz
Gauteng nach einem solchen Überfall in schönster Wild-West-Manier über 430
Patronenhülsen gezählt. Wer das Land längere Zeit kennt, muss feststellen:
statt der politischen macht heute die gewöhnliche Gewalt immer mehr
Südafrikanern aller Hautfarben ein normales Leben fast unmöglich. Doch wie
viel einfacher ist es, vor dieser unschönen Realität die Augen zu
verschließen und lieber die Presse und ihre Vertreter für alle Mißstände
zu geißeln. Oder wie es im Englischen so treffend heisst: to shoot the
messenger. (Ende)

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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