Die ungezügelte Gier Amerikas Manager
Der CEO und das Mehr

Der eine lässt sich privat einen Golfplatz bauen, der andere kauft sich gar ein komplettes Eishockey-Team. Auf Firmen-Kosten! In den USA explodieren die Einkommen der CEOs. Und die Anleger zahlen. Wie konnte es zu diesem einseitigen und letztendlich die Unternehmen bedrohenenden System kommen?

wsc NEW YORK. John Rigas sieht nicht aus wie ein Verbrecher. Der 78-Jährige hat ein freundliches Gesicht, wache Augen und schlohweißes Haar. Er trägt einen feinen aber unauffälligen Anzug und das weiße Hemd mit dem obersten Knopf offen. Es passt nicht ins Gesamtbild, dass der nette Senior Handschellen trägt. Doch er wird sich daran gewöhnen müssen und auch an den Gedanken, auf absehbare Zeit nicht mehr so viel Bewegungsfreiheit zu haben wie bisher. Rigas drohen 15 Jahre Haft, denn er ist einer der größten Betrüger der amerikanischen Geschichte. Seine Beute: Etwa 3 Mrd. $.

Der ehemalige CEO des Kabelbetreibers Adelphia hat seine Firma jahrelang als ganz privates Sparschwein genutzt und Leben und Luxus weitgehend aus Firmenmitteln bestrichen. Gleiches taten seine Söhne, die in verschiedenen Positionen im Unternehmen mitarbeiteten. Seine Aktionäre hat Rigas darüber nie informiert - die tragen den Schaden, seit die Papiere von 86 $ auf ein paar Cent fielen und schließlich vom Handel ausgeschlossen wurden. Das Unternehmen ist bankrott.

Rigas ist einer der CEOs, auf die das neue Misstrauen in Corporate America gründet. Seine Mittäter heißen Gary Winnick, Dennis Kozlowski, Sam Waksal. Alle zogen an einem Strang, wenn auch jeder für sich. Während Rigas Adelphia ruiniert hat, führten seine Kollegen Global Crossing, Tyco und ImClone an den Rand der Katastrophe. Die Täter hatten ein gemeinsames Motiv: grenzenlose Gier.

Wie groß diese Gier tatsächlich war, das wird in diesen Tagen an der Wall Street reflektiert. Bei der Verlesung von John Rigas? Sündenregister kommt ungeheuerliches ans Licht. Der Senior hat Firmenmittel genutzt, um sich zuhause einen privaten Golfplatz zu bauen. Außerdem hat sich der begeisterte Eishockeyfan ein eigenes Team gekauft, ebenfalls mit Geld aus der Unternehmenskasse. Sohn Tim nutzte derweil den Firmenjet überwiegend privat, flog mit Freunden sogar zur Safari nach Afrika. Seine Brüder kauften sich auf Spesen Appartements an Manhattans teurer Upper East Side.

Während die Vergehen des Patriarchen ein wenig exaltiert anmuten, ist die Masche des Nachwuchses an der Wall Street gang und gäbe. Dennis Kozlowski hat ein 18 Millionen Dollar teures und von Tyco finanziertes Loft in Manhattan. Nicht weit entfernt stellt General Electric leitenden Mitarbeitern vier Wohnungen, von denen weder Aktionäre noch die Börsenaufsicht wussten. Vivendis früherer Chef Jean-Marie Messier wohnt für 17,5 Millionen Dollar an der feinen Park Avenue, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Toshiaki Taguchi, dem US-Chef von Toyota - beide Wohnungen zahlte der Aktionär.

Mit dem Firmenjet vergnügten sich unterdessen Manager wie Christos Cotsakos von E*Trade und Greg Hutchins von Nabisco, der den Flieger einmal sogar nutzte, um seinen von Heimweh geplagten Hund nach Hause zu bringen. Robert Annunziata, früherer Chef von Global Crossing, musste sich mit einem Mercedes SL 500 begnügen. Dafür zahlten die Aktionäre nicht nur seine Flüge, sondern auch die seiner Familie - inklusive der Mutter, die den erfolgreichen Sprössling einmal die Woche per Erste-Klasse-Flug besuchen kam.

Dem Anleger ist diese verschwenderische Gier umso schwerer vermittelbar, als amerikanische CEOs ohnehin schon unverhältnismäßig viel Geld verdienen. Nach Verhandlungen um die Vergütung für neue Chefs verschlägt es oft sogar abgebrühten Experten die Sprache. "Die Einkommen mancher CEOs sind ungeheuerlich und stehen in keinem Verhältnis zur erbrachten Leistung", sagt Charles Elson, Direktor des Zentrums für Unternehmensführung an der Universität von Delaware. "Unverschämt und astronomisch" nennt der renommierte Wirtschaftsanwalt Richard Koppes die Gehälter, und sein Kollege Joseph Bachelder urteilt: "Es sprengt einfach den Rahmen." Koppes hat die Gehälter vieler Wirtschaftsbosse mit verhandelt.

Die Bezahlung der Top-Manager ist ein relativ junges Problem. Noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren stiegen die Gehälter der CEOs meist langsamer als die des durchschnittlichen Mitarbeiters. Der Chef führte sein Unternehmen bescheiden und aus dem Hintergrund. Erst im Bullenmarkt der Achtzigerjahre änderte sich alles, als junge Unternehmen eine nie gekannte Popularität erreichten und Manager als Idole entdeckt und als Stars verehrt wurden. Viele erkannten schnell: Das süße Leben als umjubelter Multi-Millionär ist schöner als das stille Wirken um die Firma.

Zeitgleich entdeckten Unternehmen in der Aktienoption eine attraktive Alternative zum Cash-Gehalt. Möglich war diese Art der Kompensation schon seit 1950. Präsident Harry Truman hatte damals ein Steuergesetz unterzeichnet, dass die Ausgabe von Optionen berücksichtigte. Offensichtlich dauerte es einige Zeit, bis der Markt die Vorteile dieser Gehaltsvariante erkannt hatte. Doch starteten die Derivate schließlich vor dem Hintergrund eines stark expandierenden Marktes in den Achtzigern kräftig durch.

Wegweisend für viele künftige Gehaltsverhandlungen war der Vertrag, den Michael Eisner 1984 mit Disney abschloss, als er CEO des Medienriesen wurde. Sein Optionspaket belief sich auf - damals ungeheuerliche - 57 Millionen Dollar und war an eine entsprechende Performance geknüpft. Eisner erfüllte alle Vorgaben und beendete sein erstes Jahr bei Disney als höchst bezahlter Manager der Geschichte.

Die nächste Marke brach wenige Jahre später Roberto Goizueta, der legendäre CEO von Coca-Cola. Er war der erste Unternehmens-Chef, dessen Aktienpaket die Milliardengrenze überschritt - doch auch Goizueta hatte entsprechend hart gearbeitet. Er machte aus dem Brausekonzern aus Atlanta den Weltmarktführer in der Getränkebranche.

Männer wie Eisner und Goizueta sind es, die neun- und zehnstellige Gehälter lange vertretbar machten. "Wir müssen unsere CEOs sehr, sehr gut bezahlen, denn ihr Talent und ihre Führungsstärke sind es einfach wert", sagte ein anonymer Finanzier im vergangenen Jahr dem US-Wirtschaftsmagazin "Fortune". Das Magazin hatte gefragt, wo denn die Grenze selbst für den erfolgreichsten Manager liege. "Ob Jack Welch nun 15 Mill. wert ist oder 50 Mill., das kann ich nicht sagen. Aber dafür gibt es ja einen Aufsichtsrat."

Dummerweise scheint das Problem der explodierenden Gehälter allerdings gerade dort zu liegen. "Der CEO kann im Aufsichtsrat eigentlich jedes Phantasiegehalt durchsetzen, das ist leider nicht von der Hand zu weisen", sagt Unternehmensrechtler Ken Werner. Aus dem so genannten "Board" kommt so gut wie nie Gegenwehr. Das bestätigt, wiederum anonym, ein CEO gegenüber "Fortune": "Es ist ein Duell der Profis gegen Amateure. Die meisten Aufsichtsräte verstehen nicht viel von ihrem Job und glauben, sie müssten dem CEO sowieso alles durchgehen lassen, um ihm Unterstützung zu signalisieren."

Ebenso schwach wie der interne Widerstand ist allerdings auch die Gegenwehr von außen - nicht zuletzt die der Anleger. "Dieses ganze korrupte System können nur die Aktionäre zerschlagen. Bei der Jahresversammlung müssten sich Großinvestoren wie die Fond-Gesellschaften Fidelity und Vanguard zusammentun und gegen einen Kompensationsplan stimmen", meint der anonyme CEO. "Aber das passiert nie."

Und noch ein weiterer Faktor kann hilfreich sein, was die Kürzung der Gehälter anbelangt. Immer mehr Unternehmen wollen vor dem Hintergrund der Bilanzkrise reinen Tisch machen und gehen dazu über, Optionen als Ausgaben zu verbuchen - mit bilanziell katastrophalen Folgen. Laut einer Studie von Merrill Lynch wären die Gewinne der 37 größten amerikanischen High-Tech-Konzerne um 60 % niedriger ausgefallen, wenn man Optionen auf der Soll-Seite gelistet hätte, anstatt sie zum nicht realisierten Gewinn zu stilisieren. Für einige Big Caps fällt die Bilanz noch ärger aus. Nach Abzug der Optionen hätte der Netzwerkkonzern Cisco im vergangenen Jahr statt eines Gewinns von 38 Cent pro Aktie ein Minus von 14 Cent ausweisen müssen.

Die Zeit der maßlosen Kompensationen könnte nun vorbei sein. Denn spätestens wenn es darum geht, ob unter der Bilanz schwarze oder rote Zahlen stehen, dürfte sich mancher Aufsichtsrat überlegen, ob die Optionspakete für den CEO vertretbar zu einem Gehalt in Millionenhöhe notwendig ist.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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