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Die Unis in den Wettbewerb

Deutsche Unis werden administrativ-planwirtschaftlich gesteuert. Die Politik schützt sie vor Wettbewerb. Der niedrige gesamtwirtschaftliche Produktivitätsfortschritt überrascht daher nicht.

Bewirtschaftungen aufzugeben brachte in Deutschland historisch beachtliche Gewinne bei der Produktivität. Das war so, als Erhard die Preisbewirtschaftung auf den Gütermärkten beendete. Aber auch die Konvertierbarkeit der Deutschen Mark und die Überführung wichtiger Bereiche wie des Wohnungswesens und der Netzwerkindustrien - so der Telekommunikation - in die Marktwirtschaft stellten Effizienzfortschritte dar, ganz zu schweigen von dem Ende der ostdeutschen Planwirtschaft.

Aber ein zentraler gesellschaftlicher Bereich ist bei uns nach wie vor bewirtschaftet: das Hochschulsystem. Es wird von der Politik administrativ-planwirtschaftlich organisiert. Richtwerte in den Kapazitätsverordnungen für das bereitzustellende Studienplatzangebot und Kennziffern für die Mittelzuweisung erinnern an die fehllenkenden Anreizmechanismen der Ex-DDR; sie setzen - über den vorhandenen intrinsischen Antrieb der Hochschulmitglieder hinaus - keine leistungssteigernden Motivationen und schöpferischen Energien frei.

Wie kann eine Gesellschaft nur auf die abstruse Idee kommen, die knappen Studienplätze in den Engpassfächern über ein zentrales Amt, die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, den jungen Menschen zuzuweisen, so als ob man deutschlandweit die Wohnungen über ein Bundeszentralwohnungsamt den Wohnungsnutzern zuordnen würde? Welche das Individuum verachtende Anmaßung des Staates spricht aus diesem Ansatz. Aber auch welcher Glaube an die Leistungsfähigkeit einer staatlichen Behördenlenkung.

Das deutsche Universitätssystem, das im 19. Jahrhundert ausländische Studenten und Wissenschaftler anlockte und die technologische Basis für die noch heute wichtigsten vier deutschen Exportbereiche Maschinenbau, Automobilbau, Elektrotechnik und Chemie lieferte, ist im internationalen Vergleich nicht mehr kompetitiv. Zwar bildet das System seine Absolventen breit qualifiziert aus. Aber: Heute sind die zukünftigen Leistungseliten der Welt anderswo als in Deutschland eingeschrieben, vorwiegend in den USA.

In der modernen Informations- und Wissensgesellschaft schält sich das Humankapital inzwischen als entscheidende Quelle der Innovation und des wirtschaftlichen Wachstums heraus, es ist inzwischen der wichtigste Wachstumsfaktor geworden. Humankapital ist der Nährboden für neue intelligente Produkte, neue Produktionsverfahren und neue organisatorische Lösungen. Die Qualifizierung der Menschen, also die Bildung von Humankapital, ist ein entscheidender Hebel für eine höhere Arbeitsproduktivität, eine bessere Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und einen dauerhaft höheren Wachstumspfad mit mehr wirtschaftlicher Dynamik.

Gerade deshalb kommt der Neuorientierung des Hochschulwesens eine entscheidende Bedeutung zu. Erforderlich ist eine Grundentscheidung darüber, das Hochschulsystem nach dem Wettbewerbsprinzip zu organisieren. Dies heißt Wettbewerb der Universitäten um gute Studenten und um gute Professoren, aber auch Wettbewerb der Studenten um die besten Universitäten. Dann wird das System aus sich selbst heraus innovativ; zudem wird die junge Generation mit dem Wettbewerb groß. Will man den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren für bessere Lösungen nutzen, so muss man auch bereit sein, die Konsequenzen des Wettbewerbs zu tragen.

Für die Universitäten heißt dies, dass sie unter einen Zwang gestellt werden, sich in diesem Wettbewerb um die Studenten zu behaupten, etwa dadurch, dass sie für ihre Finanzierung um Studenten werben müssen. Wem dies nicht gelingt, muss letzten Endes aus dem Markt ausscheiden. Kann etwa in einem System, in dem Studenten ihre Studienfinanzierung in Form eines staatlich finanzierten Gutscheins oder über Stipendien mitbringen, eine Hochschule nicht genügend Studenten attrahieren, so braucht man Verfahren, nach denen die Schließung einzuleiten ist.

Nicht zurückschrecken darf man davor, von den Studenten Leistung zu verlangen. Die Spezialisierung der Hochschulen und Forschungsstätten auf Exzellenz darf nicht verpönt sein. Leistungselite darf aber auf keinen Fall Traditionselite und Herkunftselite heißen. Universitäten und Forschungseinrichtungen müssen für alle Talente offene Systeme sein. Dementsprechend muss die Zulassung zu den Universitäten blind gegenüber der Einkommenssituation sein ( "means-blind admission"), der Zugang für Talentierte darf nicht beschränkt werden, nur weil die Eltern ein niedriges Einkommen haben. Gerade ein offenes, nach Wettbewerbsprinzipien organisiertes Universitätssystem, das der Effizienz verpflichtet ist, wäre ein Garant für vertikale Mobilität in der Gesellschaft und damit für ein breites Spektrum an Chancen.

Nicht zutreffend ist das derzeit politisch gängige Argument, dass jetzige System sei deshalb beizubehalten, weil es sozial sei und den Zugang der Arbeiterkinder zur Universität ermögliche. Dies ist schlichtweg falsch. Derzeit tragen Arbeitnehmerhaushalte mit ihren Lohnsteuern grob etwa ein Drittel zur Hochschulfinanzierung bei, während der Anteil der Arbeiterkinder an der Universitätsausbildung etwa einem Siebtel entspricht. Im Übrigen würde man gerne einmal eine Umfrage unter den Söhnen und Töchtern jener Politiker, die das derzeitige deutsche Hochschulsystem so vehement verteidigen, darüber sehen, wie viele von ihnen längst in den USA studieren.

Die hier skizzierte grundlegende Umorientierung im Wissenschaftsbereich ist wohl die gravierendste Veränderung, die die deutsche Politik für die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit vorzunehmen hat. Sie muss für diesen wichtigen Schritt den Mut aufbringen. Also: Verplanwirtschaftet die Universitäten nicht! Gebt die Hochschulen für den Wettbewerb frei!

Horst Siebert ist Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Mitglied des Sachverständigenrates.

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