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Die Unterhose und der pralle Klingelbeutel

Melonen habe er verkauft auf dem Großmarkt, rechtfertigte sich der glatzköpfige Mann, als er in Sao Paulos Stadtflughafen den Flieger nach Nordbrasilien besteigen wollte. Beim Durchleuchten in seinem Handgepäck wurden 200.000 Reais gefunden, also etwa 70.000 Euro.

Melonen habe er verkauft auf dem Großmarkt, rechtfertigte sich der glatzköpfige Mann, als er in Sao Paulos Stadtflughafen den Flieger nach Nordbrasilien besteigen wollte. Beim Durchleuchten in seinem Handgepäck wurden 200.000 Reais gefunden, also etwa 70.000 Euro. Für die 100.000 Dollar, die er ebenfalls in seiner Unterhose stecken hatte (das geht wirklich, wie die Polizeifotos zeigen!) für die fand er dann keine passende Ausrede mehr - und Präsident Lula in Brasília hatte wieder mal einen neuen Skandal mehr am Bein. Der Geldbote arbeitet für den Bruders des inzwischen zurück getretenen Parteipräsidenten der Arbeiterpartei PT - befindet sich also nahe dran an einem der engsten Vertrauten Lulas. Im derzeitigen Polit-Skandal in Brasilien dreht sich alles darum, ob Lulas Mannschaft im Kongress Stimmen mit Bargeld gekauft haben. Das ist nicht so ungewöhnlich wie sich das anhört, denn auch der renommierte Vorgänger und Soziologie-Professor Cardoso soll das gemacht haben, um seine Wiederwahl zu sichern. Kurzzeitig aufatmen konnte Lula, als zwei Tage später ein Abgeordneter der oppositionellen Rechtsliberalen beim Besteigen eines Privatflugzeugs ebenfalls mit Bargeld erwischt wurde. Und zwar mit genau elf Koffern Barem. Die rund 10 Millionen Reais in kleinen Noten, also rund 3,3 Millionen Euro, erklärte dieser ungerührt mit dem Klingelbeutel: Das sei der Zehnt vom Wochenende aus den Gemeinden im Norden. Der Abgeordnete ist Mitglied der protestantischen Sektenkirche Igreja Universal de Deus, die vor allem in der armen Bevölkerung ihre Anhänger hat. Die Mitglieder verpflichten sich von ihren bescheidenen Einkommen monatlich zehn Prozent, eben der Zehnt, an die Kirche abzugeben. Im Kongress sind die Sekten inzwischen neben der Agrarlobby einer der stärksten Gruppierungen. Die eigens heran geschafften Geldzählautomaten waren der Menge Bargeld nicht gewachsen. Zwei gaben ihren Geist beim Zählen auf. Inzwischen versiche rte die Kirche auch offiziell, dass es sich um die üblichen Abgaben der Gläubigen handle. Die sollten nach Sao Paulo geschafft werden - wozu, darüber schweigt sich die Kirche jedoch aus und hat ein Dutzend Anwälte in Bewegung gesetzt, um die konfiszierten Geldscheine wieder zu erhalten. Auch die bewaffnete Schutztruppe, die den Abgeordneten auf dem Weg zum geleasten Jet schützen sollte, sei eigens von der Kirche angeheuert worden. Der Politiker wurde sofort von der Partei ausgeschlossen. Die rechtsliberale Opposition will damit möglichst schnell die Verantwortung für das schwarze Schaf in ihren Reihen abgeben und sich wieder den Geldboten der Regierung zu wenden. Die oppositionellen Parteiführer frohlocken schon: "Jetzt gehts wieder nur um die Unterhose!"

Für die Medien ist das Ganze natürlich ein gefundenes Fressen: Glossenschreiber (hier oft durchgedrehte Spaßvögel, auch in den seriösen Zeitungen), die meist gut informierten Klatschkolummnisten und die schnell reagierenden Karikaturisten kümmern sich genussvoll um beide Themen, den "Unterhosenskandal" und der "Skandal um den prall gefüllten Klingelbeutel".

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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