Die Unternehmensphilosophie lautet: „Innovation in der Tradition“
Francesco Trussardi: Mode-Prinz mit Ambitionen

Durch den überraschenden Tod seines Vaters wurde Francesco Trussardi an die Spitze des Familienunternehmens katapultiert. Jetzt will er an die Börse gehen.

MAILAND. Francesco Trussardi erscheint mit zwei Stunden Verspätung zum Interview. "Es tut mir sehr leid. Aber wie Sie wissen, bin ich ein sehr beschäftigter Mann. Und im Moment geht hier alles drunter und drüber", erklärt er mit einem charmanten Lächeln und einem entschiedenen Händedruck.

Nicht einmal das Mittagessen hat der 25-jährige Erbe der Trussardi-Dynastie genießen können, ohne über das Geschäft zu sprechen. Im durchgestylten Restaurant des "Marino alla Scala", der 1996 eingeweihten neuen Mailänder Herrschaftsresidenz seiner Familie in unmittelbarer Nachbarschaft zum weltberühmten Opernhaus, hat er mit einer Delegation von Managern der deutschen Wella AG verhandelt. Am Nachmittag wird er mit dem deutschen Unternehmen den Lizenzvertrag für die weltweite Produktion und Distribution des Parfüms "Trussardi" unterzeichnen. "Wella ist unser idealer Partner im Hinblick auf die von mir eingeleitete Entwicklung der Marke Trussardi", äußert sich Francesco zu seinem jüngsten Vertrag. "Unsere Gruppe wird ihre Ressourcen darauf konzentrieren, unsere Struktur und interne Organisation, vor allem aber auch den Service als Träger unserer Retailstrategie zu verbessern."

"Trussardi soll in den Händen der Familie bleiben"

Francesco wurde als ältester Sohn über Nacht auf den Thron der Familiendynastie katapultiert, als Modekönig Nicola Trussardi am 16. April 1999 tödlich verunglückte und Francesco Chef des Familienunternehmens wurde. "Mein Ziel ist es, den Namen Trussardi in der Welt zu konsolidieren", erklärte der blonde, blauäugige Kronprinz bereits damals vor der Presse. "Wir werden sehr stark in die Gruppe investieren, um die maximale Kapitalisierung unserer Marke zu erzielen. Denn Trussardi soll in den Händen unserer Familie bleiben."

Die Familie, die zählt. Nach einem für die italienische Industrie charakteristischen Prinzip ist die Beteiligung der Familie für die Unternehmensplanung ein grundlegendes Mittel zum Erfolg. Und Francesco Trussardi lebt ganz in diesem Sinne.

Neben der Verlässlichkeit der Familie zählt in seinem Fall - vor allem wegen seines jungen Alters - auch die enge Zusammenarbeit mit einem kreativen Team von internationalen Spezialisten und Technikern. Dazu gehören gut ausgewählte Mitarbeiter mit besonderer Erfahrung im Management, die dem jungen Francesco Anregungen geben, wie er die konzeptuelle und visuelle Effizienz seiner Produkte weiter steigern kann. Engster Mitarbeiter von Trussardi Junior ist dabei Francesco Cesario, Generaldirektor von Sosab, einem von der Trussardi-Gruppe kontrollierten Unternehmen in Modena, das sämtliche Produktlinien herstellt und vermarktet.

Trussardi wurde 1910 als Handschuhfabrik gegründet

Trussardi ist ein Unternehmen mit Tradition, das sich allerdings mehrfach neu erfunden hat. Insbesondere Nicola Trussardi, der Vater des heutigen Firmenchefs, erkannte, dass das 1910 als Handschuhfabrik im norditalienischen Bergamo begründete Modeunternehmen keine Zukunft in seinem traditionellen Geschäftsfeld hatte.

"Der Handschuh verkörpert eine vergangene Welt", erklärte Nicola Trussardi in den 70er-Jahren, "die von der soziokulturellen Revolution besiegt wurde. Somit hatte ich zwei Möglichkeiten: mir eine andere Arbeit zu suchen oder zu versuchen, das Geschäft wieder aufzubauen, um das im Laufe der Jahre von meiner Familie erworbene Prestige zu bewahren und zu erneuern. Ich habe letztere Möglichkeit gewählt." Trussardi setzte auf die Marke und wurde Luxusgüter-Hersteller.

"Vieles, was mein Vater intuitiv vorhergesagt hat, ist eingetreten", sagt Francesco Trussardi heute in seinem modernen hellen Büro im Mailänder Stadtpalast. "Er war ein sehr entschiedener und handlungsfähiger Mensch. Diese beiden Eigenschaften habe ich von ihm geerbt." Und vom Vater übernahm er auch die Unternehmensphilosophie "Innovation in der Tradition", die dem Thronerben als Leitlinie dient.

Trussardi lebt vor allem von seinem Kerngeschäft. "Besonders stark sind wir im Accessoire-Bereich", sagt der elegant in Blau gekleidete Unterneh- menschef, der Krawatte und Stiefeletten trägt. "Auf diesem Sektor haben wir ein großartiges Ergebnis erzielt."

Trussardi ist in Japan sehr gefragt

40 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet die Gruppe heute auf dem heimischen italienischen Markt, die restlichen 60 Prozent im Ausland. 35 Prozent des Gesamtexports geht allein nach Japan. "Mit dem japanischen Unternehmen Teijin hat unsere Gruppe 1999 ein wichtiges Joint-Venture abgeschlossen".

Darauf ist Trussardi Junior besonders stolz. Denn er selbst startete nach seinem Hochschulabschluss an der European School of Economics in Mailand seinen Job im Familienbetrieb - neben den Modelauftritten mit seinem Bruder Tommaso und den Schwestern Beatrice und Gaia auf den Werbeplakaten von Trussardi -, indem er sich um Sosab und um den japanischen Markt kümmerte.

Mit der Neueröffnung von Boutiquen in Paris, Sankt Petersburg, Moskau, Singapur, Hongkong, Tokio und Seoul will Trussardi in diesem und im kommenden Jahr seine Marktposition auf dem Weltmarkt konsolidieren. Inzwischen gibt es weltweit 183 Trussardi-Geschäfte, wovon sich allerdings nur sechs im Besitz des Unternehmens befinden, 177 sind im Franchising. "Das Geheimnis unserer Strategie ist das Retail. Wholesale ist uns ein Fremdwort", sagt Francesco Trussardi. "Unser Ziel ist es, immer mehr Factory Outlets (Fabrikverkäufe) zu eröffnen, die direkt von unserer Gruppe kontrolliert werden. Und wir wollen auch Filialen im Ausland schaffen. Für 2001 etwa ist eine Filiale in New York geplant."

Außer in Japan gibt es weitere Joint- Ventures mit Unternehmen des Fernen Ostens, aus den USA und aus Europa. Außerdem verhandelt der junge Präsident immer neue Verträge, um verschiedene Produkte auf Lizenz zu realisieren, wie etwa Unterwäsche, drei Linien für Kids (Baby, Junior und Layette) und eine Haushaltslinie (Home). Die interessantesten Märkte sind für Trussardi Junior derzeit Spanien, Portugal und Griechenland, aber auch Frankreich und Japan. "Diese Länder sind stark im wirtschaftlichen Umbruch. Wir wollen deshalb dort unsere Präsenz erweitern, neue Boutiquen eröffnen und mit heimischen Unternehmen Joint-Ventures schaffen. Unterredungen laufen bereits mit der spanischen Kaufhauskette Corte Anglais."

Dabei wird es nicht bleiben. Francesco Trussardi, der Siegertyp, der schnelle Motorräder liebt und Triathlon betreibt, sucht auch beruflich die Herausforderung: In den nächsten zwei bis drei Jahren will er das Familienunternehmen an die Börse bringen.

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