Die Vernetzung der Geräte gilt als einer der Megatrends
Entwickler träumen vom Fernseher als Schaltzentrale

Die schöne neue Medienwelt, die auf ein Verschmelzen von Internet und Fernsehen setzt, fristet bislang ein Nischendasein. Angesichts der Konjunkturflaute, die die Geräteindustrie trifft, wächst der Wunsch, die digitale Welt möge nicht länger ein Minderheitenprogramm bleiben. Die Ifa zeigt, wie weit die Entwickler gekommen sind.

HB DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Alle reden von der digitalen Zukunft. Doch nur wenige Fernsehzuschauer haben sie bisher kennen gelernt. Einer von ihnen ist Gerhard Schaas. Wenn er im Internet surft, kann er es sich zu Hause auf dem Sofa so richtig bequem machen. Mit der Fernbedienung in der Hand muss der Entwicklungsvorstand der Loewe AG lediglich das Fernsehgerät anstellen - und kann im Netz von einer Seite zur nächsten gleiten. Schaas muss keinen Computer hochfahren, muss nicht aufstehen und nicht ins Bürozimmer gehen.

Einen zweistelligen Millionenbetrag hat der fränkische Fernsehgeräte-Hersteller investiert, um den Fernseher mit dem Internet zu vernetzen. Für 1 000 DM extra können Loewe-Kunden damit schon heute das Internet in die gute Stube holen. Doch das Interesse ist verschwindend gering: Nur ein bis zwei Prozent aller Fernseher des Kronacher Unternehmens werden bislang mit dem Internetmodul verkauft. Auf der Funkausstellung will Loewe um neue Kunden werben.

Optimismus in der Branche

Ob die Begeisterung beim Kunden künftig größer sein wird, ist allerdings fraglich. Allein die Industrie versprüht schon seit Jahren Optimismus. "Spätestens bis 2010 wird der Internetzugang im Fernseher standardmäßig in allen Geräten sein", sagt Schaas und gliedert sich in die Reihe der Optimisten ein. Und das sei nur der Anfang. Mit dem Telefon aus seiner Entwicklungsabteilung, einer Kamera an der Haustür und einem TV-Gerät könne heutzutage jeder Fernsehgucker nachschauen, wer gerade klingelt. Auch dabei soll es nicht bleiben. Das Fernsehgerät wird in den kommenden Jahren zur Schaltzentrale für den gesamten Haushalt ausgebaut, prophezeien die Hersteller, die sich auf der Ifa präsentieren. "Meistens ist der Fernseher das Gerät, das abends als letztes ausgemacht wird. Warum sollte man darüber nicht kontrollieren, ob noch das Licht im Keller brennt?" beschreibt ein Gerätehersteller die Zukunft.

Damit skizziert er den zentralen Vorteil, den die Konsumelektronik der Computerindustrie voraushat: Fernsehgeräte stehen in so gut wie jedem Haushalt und sprechen so einen riesigen Kundenkreis an. Jedes Jahr gehen in Deutschland rund 5,6 Mill. TV-Geräte über den Ladentisch - wobei inzwischen vor allem Ersatz für Geräte gekauft wird, die ihren Geist aufgegeben haben. Künftig sollen diese Geräte, die den Computer ein Stück weit ersetzen können, wieder für mehr Umsatz sorgen.

Hinzu kommt: Im Gegensatz zur Computerindustrie verspricht die TV-Gerätebranche, es ihren Kunden leicht zu machen. Aufwendige Software-Installationen entfallen, der Kampf mit Drucker und Treiber bleibt den Technikfreaks überlassen. Auch der Komfort wird zunehmen. Schon heute haben Unternehmen wie Grundig von der Hifi-Anlage über Fernseher bis zum Lautsprecher zahlreiche Geräte im Programm, die ohne lästige Kabel verbunden werden können - und Musik und Bilder in verschiedene Räume übertragen. So können in den einzelnen Zimmern auch unterschiedliche Programme genutzt werden.

Vernetzung der Geräte als Strategie

Besonders Sony hat sich die Vernetzung aller Geräte der Konsumelektronik zur Strategie gemacht. Bereits mehr als 100 Serienprodukte des Konzerns sind laut Leopold Bonengl, Chef von Sony Deutschland, vernetzt, da sie alle mit digitaler Technologie arbeiten. Die Daten werden über eine standardisierte Schnittstelle mit Kabel oder über einen von Sony entwickelten Festspeicher ausgetauscht, der bereits von rund 150 Lizenzpartnern eingesetzt wird und bis zu 2 000 Fotos oder 240 Minuten Musik speichern kann.

Zur Funkausstellung werden auch schon Geräte gezeigt, die über den drahtlosen Übertragungsstandard Bluetooth vernetzt sind. "Außer am PC wird der Anwender auch einen Internetzugang an seiner Spielkonsole, an seinem Handy und am Fernseher haben", sagt Bonengl. Die im Urlaub am Strand aufgenommenen Fotos werden von der digitalen Kamera über das Handy gesendet und landen bei Opa und Oma daheim direkt auf dem Fernseher, lautet der nächste Schritt, den die Hersteller verwirklichen wollen. Wenn erst einmal mehr Daten gespeichert und übertragen werden können, sollen auch komplette Filme digital übertragen werden.

Andere Hersteller setzen auf das gleiche Ziel, präsentieren jedoch andere Lösungen. Panasonic oder Toshiba etwa zeigen auf der Funkausstellung, wie ihre digitalen Produkte über eigene, Sony nicht unähnliche Festspeicher vernetzt werden können. Die Lösung ist interessant, sie verdeutlicht jedoch ein Kernproblem der Branche: Wegen des Streits um die Lizenzgebühren hat sie sich bislang nicht auf einen gemeinsamen Standard geeinigt, so dass mehrere Technologien miteinander konkurrieren und sich die Geräte nicht miteinander verbinden lassen. Solange aber der Standard nicht klar ist, bleibt auch der vernetzte Haushalt ein Traum der Entwicklungsingenieure.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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