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Die Verschwörung der Jugend

Jahrelang haben alle gedacht, das Schwierigste überhaupt sei der Start ins Berufsleben. Nur wer den richtigen Start erwischt habe und sofort ranklotze wie verrückt, dessen weitere Karriere sei kaum noch zu bremsen.
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Jahrelang haben alle gedacht, das Schwierigste überhaupt sei der Start ins Berufsleben. Nur wer den richtigen Start erwischt habe und sofort ranklotze wie verrückt, dessen weitere Karriere sei kaum noch zu bremsen.

Das ist falsch. Die Starter ins Berufsleben, die 25- bis 30-Jährigen, die sitzen heutzutage gemütlich herum auf ihren Trainee- und Vorstandsassistenten-Jobs. Träge drücken sie sich in ihre Sessel, schlummern ein bisschen, wenn im Dämmerlicht Power-Point präsentiert wird, schonen sich - und warten seelenruhig ab. Klar, sie jammern ein bisschen, dass sie niemand ranlässt. Aber eigentlich finden sie ihr Berufsleben ganz kommod. Sie sehen schnieke und ambitioniert aus und denken sich, dass es auch noch reicht, wenn sie mit 40 oder 45 ans Arbeiten kommen. Viel arbeiten kann man ja immer noch, wenn es denn sein muss. Entspannt gucken sie zu, wie sich die 35- bis 50-Jährigen die Beine ausreißen, um den Kahn wieder flottzukriegen. Je mehr von der Arbeit die da machen, desto mehr profitieren wir: Das ist die Verschwörung der Jungen.

Auf der anderen Seite die Älteren: Die haben seit einiger Zeit die Fäden wieder in der Hand. Sie nennen sich die Bellheims, lehnen Vorstandsblumensträuße mit exotischen Blüten ab, verlangen stattdessen alte Rosen und fahren als Dienstwagen immer das Vorjahresmodell. Sie kritisieren die vaterlandslosen Managertypen um die 40 und finden Gefallen an den korrekt gekleideten Nachwuchskräften, die nichts übereilen und immer gern für einen wohlerzogenen Small Talk den Fahrstuhl anhalten. Die Alten, sie fördern hier und da, geben Ratschläge und sehen eine glänzende Zukunft für sich und den Nachwuchs. Tausendmal besser als die verschwitzten Abteilungsleiter, knurren sie, wenn sie an Büros vorbeischlendern, in denen es nach Arbeit riecht, nach unerfüllten Wünschen, manchmal nach Verzweiflung. Ein Universum gewandter als die schmallippigen Streber-Direktoren, die wir heute haben, seufzen sie, die alten Recken, die vom Golfplatz zurückkommen mussten, als die Versagergeneration gefeuert wurde. Sie stellen sich darauf ein, dass sie es schon noch ein paar Jahre machen müssen, bis die begabten Jungs so weit sind.

Zugegeben, sie haben ein bisschen dick aufgetragen, die Ron Sommers und Thomas Middelhoffs. Aber ist das ein Grund, die 35- bis 55-Jährigen nun einfach zu mobben? Weil Thomas Haffa eine Yacht und Boris Becker einen dicken Mercedes hatten, ist das Verlangen nach Ausschweifung zu den Haupt-Charaktereigenschaften der heutigen Mittelmanager erklärt worden. Deshalb wird man sie, die in Wahrheit doch nur von einem Fertighaus am Stadtrand träumen und vielleicht von einem Volvo, auch nie mehr ans Ruder lassen.

Diese Legende stricken die Andersaltrigen. Sie stricken, häkeln und klöppeln sich die Leistungsträger von heute zu Verschwendern von gestern und Schmarotzern von morgen zurecht - damit sie selbst mit den tiefen Sorgenfalten der intergenerativen Verantwortung ihren eigenen Geschäften nachgehen können.

Die Alten und die ganz Jungen, die haben einen neuen Generationenvertrag geschlossen: Auslutschen, abschöpfen, abmeiern - das ist der Kontrakt, nach dem seit drei Jahren in den deutschen Unternehmen die Mittelalten arbeiten dürfen. Nach ganz oben aber kommt keiner von denen mehr. Das haben sich die anderen in die Hand versprochen.

Und warum lassen sich das die wahren Leistungsträger gefallen? Weil sie so sehr mit dem Retten der Firma beschäftigt sind, dass sie nicht merken, was hinter ihrem Rücken gespielt wird. Aufgewacht! Noch ist Zeit. Zum Beispiel, um im Rahmen der letzten Kostensenkungsmaßnahmen die Vorstandsassistenten-Ebene zu streichen und die Jungs in die Produktion zu schicken. Noch ist Raum, die ganz persönliche Corporate-Governance-Debatte im Unternehmen zu führen - und leise Zweifel zu nähren, ob es tatsächlich gut gehen kann, wenn Aufsichtsräte in den Vorstand wechseln. Nur: Lange geht das nicht mehr. Dann sind die anderen in der Mehrheit in der Firma. Aber so weit muss es ja nicht kommen.

Wenn Sie der Autorin schreiben wollen: weidenfeld@tagesspiegel.de

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