Die Verwirklichung von Mitarbeiterideen birgt enormes Sparpotenzial
Mitarbeiterideen: Gold in den Köpfen

Viel zu lange sind gute Ideen im Betrieblichen Vorschlagswesen versandet. Beim Ideenmanagement kümmern sich die Linien-Vorgesetzten selbst um die Vorschläge ihrer Mitarbeiter, und alle profitieren.

HB DÜSSELDORF. Auf den grünen Halden von Herne wächst Geld wie Gras. Das ist kein Märchen - zumindest nicht für Manfred Matthias und Dieter Linke. Die beiden 48-jährigen Angestellten der Deutschen Steinkohle AG hatten beobachtet, dass mehrfach im Jahr die Mähmaschine eines bezahlten Spezialisten über die Wiesen alter Halden zockelte. Die beiden schlugen ihrem Chef vor, den Auftrag künftig an Spezialisten zu geben, die billiger und mindestens genauso gut mähen können: Schafe. Die Idee wurde umgesetzt und schon im vergangenen Jahr sparte das Unternehmen 100 000 Mark. Als Prämie kassierten die beiden Verbesserungsfreudigen je 10 000 Mark.

Kreativität der Mitarbeiter ist gefragt

Unternehmen in Deutschland nutzen immer stärker die Kreativität ihrer Mitarbeiter. Zu diesem Ergebnis kommt das Deutsche Institut für Betriebswirtschaft (DIB) in Frankfurt. Es beruft sich in einer gestern veröffentlichten Studie über das Ideenmanagement auf 441 befragte Unternehmen mit 2,65 Millionen Mitarbeitern. Mehr als 1,2 Millionen Verbesserungsvorschläge landeten danach in den vergangenen zwölf Monaten auf den Schreibtischen der Vorgesetzten, 7 % mehr als im Vorjahr. Und das alles zum Wohl der Unternehmen: 2,12 Mrd. DM haben sie mit der Verwirklichung der Ideen eingespart. Als Dank zahlten sie ihren findigen Mitarbeitern 338 Mill. DM Prämie; an jeden durchschnittlich 462 DM. Sparprimus ist die Siemens AG: 417 Mill. DM.

Die Zahlen zeigen, dass sich mit dem Ideenmanagement ein Führungsinstrument in den Unternehmen etabliert hat. "Es ist viel mehr als das Betriebliche Vorschlagswesen", sagt Carsten Löwe. Er ist Geschäftsführer des Wuppertaler Kreises in Köln und damit eines Verbands von Instituten und Einrichtungen, die sich auf die Weiterbildung von Führungskräften spezialisiert haben. Wie beim klassischen Vorschlagswesen geht es zunächst auch beim Ideenmanagement in erster Linie um Mitarbeitervorschläge, die den Betrieben einen Nutzen bringen sollen: Die Verbesserungsvorschläge können alle Bereiche des Unternehmens betreffen, von Einsparungen bei Material, Energie oder Zeit über den Umweltschutz und die Verbesserung der Ablauforganisation bis zur Beseitigung von Unfallgefahren.

Ideenmanagement soll auch motivieren

Doch das Ideenmanagement gilt vor allem deswegen als weit weniger bürokratisch als sein verstaubter Vorgänger, weil es dezentral wirkt. Die Ideengeber können, ja sollen ihre Vorschläge jetzt mit ihren direkten Vorgesetzten besprechen, die dadurch eine Art Berater oder Coach-Funktion erhalten. "Am Ort des Geschehens wird entschieden. Und nicht irgendwo weit weg in den Chefetagen der Zentralen. Montags wird die Idee eingereicht und freitags durchgesetzt. Das ist der Idealfall", sagt Löwe. In mehreren Unternehmen würden Vorgesetzte sogar zusätzlich für das Vorschlagsaufkommen in ihrem Bereich prämiert.

"Zudem zielt Ideenmanagement nicht allein auf die flotte Umsetzung der Mitarbeitervorschläge, sondern auch auf Motivation", sagt DIB-Geschäftsführer Wolfgang Werner. Er berichtet: Die höchste Prämie für einen Vorschlag gab es im vergangenen Jahr in der Chemischen Industrie. Die Röhm GmbH & Co.KG zahlte 369 360 DM. "Aber nicht an einen, sondern an über 50 Kollegen, die alle an der einen Idee mitgearbeitet haben", sagt Werner, "und genau das ist das Gute, dass nämlich Ideenmanagement auch den Teamgeist in den Unternehmen fördert."

Auch Thomas Bauer, Leiter Verbesserungsmanagement von Daimler-Chrysler in Wörth, ist überzeugt, dass gutes Ideenmanagement Mitarbeiter mehr motiviert: "Wir wollen mit dem Ideenmanagement die Kollegen an der Mitgestaltung im Betrieb und am individuellen Arbeitsplatz beteiligen." Als Prämie zahlt sein Unternehmen 30 % der errechneten Einsparungen des ersten Nutzungsjahres aus. Die kreativsten Verbesserer arbeiteten im vergangenen Jahr bei den Gummiherstellern: 283 Vorschläge je 100 Mitarbeiter. "Je intensiver der Wettbewerb in einer Branche, desto stärker werden die Ideen der Mitarbeiter genutzt", meint Werner. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Metall verarbeitende- und die Automobilindustrie. Ein Mitarbeiter bei der MAN - Nutzfahrzeuge AG in München hatte zum Beispiel die Idee, die Bremsleitungen der leichten und mittleren Lkw-Typen direkt zu den Bremszylindern zu verlegen. Damit konnte der Verteilerblock entfallen. Kostenersparnis: 1,2 Millionen Mark. Der Mitarbeiter erhielt 238 000 DM Prämie.

Ideenmanagement als Instrument zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit

"Ideenmanagement ist heute auch ein wichtiges Instrument zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit", erklärt Löwe. Investitionsbereitschaft und eine moderne technische Ausstattung allein reichten längst nicht aus. Das eigene Mitarbeiterpotenzial schaffe den Vorteil. "Das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter ist das größte Potenzial der Unternehmen", sagt Werner. Wer dieses Wissen nutze, dem könne es viel leichter gelingen, sämtliche Prozesse, Produkte und Dienstleistungen in den Betrieben laufend zu verbessern und neue zukunftsträchtige Produkte zu entwickeln. Mit dem Ideenmanagement entwickle sich das Unternehmen zum "Innovationszentrum".

Oftmals werde jedoch die Innovationskraft in den eigenen Reihen durch engstirnige Vorgesetzte oder aufgeblasene Hierarchien gehemmt. Deswegen betrage auch die durchschnittliche Laufzeit für die Umsetzung von Vorschlägen 60 bis 70 Tage. Werner: "Gute Einfälle scheitern häufig an der Lähmschicht, dem mittleren Management." Um das zu verhindern, müsse im Vorgesetztenmodell dem unmittelbaren Vorgesetzten die Verantwortung für die Motivation seiner Mitarbeiter für Vorschläge zur Verbesserung des Arbeitsumfelds übertragen werden. Die Vorteile des Ideenmanagements hat auch die Deutsche Post schätzen gelernt. Vor gut zehn Jahren setzte sie nur 15 % der Vorschläge ihrer Mitarbeiter um. "Heute sind es 50 %", sagt Ralf Stemmer, Zentralbereichsleiter Tarifpolitik und Bezahlung. 70 % sollen es mal werden. "Nicht jeder Edelstein entpuppt sich bei näherer Betrachtung als schleiffähig", sagt Stemmer. Manche Idee ist sogar gestohlen. "Es lässt sich leider nicht verhindern, dass findige Mitarbeiter von der Möglichkeit angetan sind, die schnelle Mark zu machen", meint Karl Meyrhan, Technischer Direktor der Karl Mayer Textilmaschinenfabrik in Oberhausen. "Einige Mitarbeiter greifen Ideen aus anderen Abteilungen auf, variieren oder kopieren sie und verkaufen sie schließlich ihrem Vorgesetzten als ihren neuen Verbesserungsvorschlag." Dessen Job ist es dann, dafür zu sorgen, dass die Rechnung "besser gut geklaut als schlecht ausgedacht" nicht aufgeht.

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