Die wahren Gewinner der britischen Versicherungskrise sind die Banken
Lebensversicherer warten auf die Wende

War das die Wende für die britischen Lebensversicherer? Die Ankündigung der Finanzaufsicht FSA vom Wochenende, einzelne Institute bei kurzfristigen Solvenzproblemen nachsichtiger zu behandeln, löste an der Börse gestern ein Kursfeuerwerk aus: In der Spitze zog der Sektor-Index der Versicherungen um mehr als 9 % an. Er verhalf dem FTSE-100 damit zu einem Anstieg von zeitweise mehr als 3 %.

LONDON. Doch schon am Nachmittag, als sich die Zuwächse wieder fast halbiert hatten, war die Euphorie verflogen. Dazu hatte sicherlich auch Meldungen beigetragen, dass der größte Versicherer auf Gegenseitigkeit Standard Life die Bonuszahlungen für eine bestimmte Produktgruppe (With-Profit) zweistellig kürzen musste. Nicht dass diese Meldung überraschend gewesen wäre. Andere hatten schon vorher Auszahlungen an ihre Versicherten gekürzt, von den Flagschiffen Prudential und Aviva bis zu Britannic, dem größten Sorgenkind der Industrie. Die Nachricht beantwortete aber die Frage nach der erhofften Wende mit einem "Nein". Eine Silberstreif für britische Versicherer ist erst einmal nicht in Sicht.

Dabei hätten es die Anleger so nötig, hatten sie doch in jüngster Zeit nichts als Sorgen mit den Versicherungen. Der jahrelange Bärenmarkt setzt die vornehmlich in Aktien investierenden Gesellschaften immer stärker unter Druck. Seit Jahresbeginn büßte der Footsie erneut 10 % seines Wertes ein. Neben dem wirtschaftlichen Umfeld gesellten sich in letzter Zeit die Ungewissheit um einem Irak-Krieg und die ökonomische Entwicklung im Lande dazu.

Die Versicherer kommen mit jedem Verfall weiter in die Bredouille: Sie müssen vertraglich zugesagte Auszahlungen leisten. Können sie die aus den Gewinnen des Aktienmarktes nicht mehr leisten, müssen sie ihre Zusagen kürzen. Gleichzeitig müssen sie bei einem langfristigen Verfall des Marktes aus Aktien aussteigen, um zukünftige Zahlungen nicht zu gefährden und regulatorische Anforderungen zu erfüllen.

Nun also erleichtert die FSA den Versicherungen das Leben: Die Aufsicht kündigte an, von einer starren Regel zu einer "Fall zu Fall"-Entscheidung überzugehen. In einem Brief an die Chefs des Institute schrieb die Behörde, die für mögliche Ansprüche gehaltenen Mittel je nach finanzieller Ausstattung der Firmen zu variieren. Damit will die FSA verhindern, dass die Versicherungen in einem Marktumfeld wie dem jetzigen verstärkt Aktien verkaufen und damit die Abwärtsspirale nur noch verstärken.

Darauf hatte der Markt gewartet: Der größte Versicherer Aviva legte gestern in der Spitze um mehr als 12,5 % zu, Konkurrent Prudential brachte es zeitweise auf über 12 % Plus, und selbst Britannic-Aktien, die seit Beginn des Jahres wegen hauseigener Probleme fast drei Viertel ihres Wertes verloren hatten, konnten sich um 8,5 % steigern.

Colin McLean vom Fondsmanager Scottish Value Management, einem Aktionär des Versicherers Prudential, sieht in der Initiative der FSA dennoch wenig mehr als eine Beruhigung des Marktes: "Natürlich behält die Aufsicht den Druck auf die Versicherer bei", sagt er. "Allerdings will die FSA auch nicht als Grund für einen Marktverfall gelten". Das Problem vor allem für die Versicherer auf Gegenseitigkeit oder von unselbständigen Unternehmen (etwa der Lloyds TSB-Tochter Scottish Widows) wird es sein, an zusätzliches Kapital zu bekommen. "Sie können sich kein frisches Geld über eine Kapitalerhöhung verschaffen." Auch Stuart Duncan von Numis Securities möchte deshalb die Wende noch nicht zu früh ausrufen: "Das ist erst einmal nur eine gute Nachricht in einem Umfeld, von dem es zurzeit wenig Gutes zu berichten gibt."

Versicherungsanalyst Roger Hill von UBS Warburg gibt sich über die Lage im Sektor illusionslos: "Die Größe der Firmen wird in Zukunft Ausschlag geben. "Neulinge wie St. James?s Place haben weder das Versicherungs-Aufkommen noch die Stabilität, einen solchen Abwärtstrend aufzufangen." Am stärksten werden deshalb seiner Ansicht nach Prudential und Aviva aus der Krise kommen.

Die wahren Gewinner sind für Hill aber die Banken: "Angesichts der jetzigen Erfahrung werden mehr Menschen Geld aus Policen abziehen und in Sparkonten anlegen." Bei Zinsen zwischen 3 und 4 % bekämen die Anleger inzwischen fast so viel wie mit lang laufenden Anleihen. Das ist zudem sicherer als die Aussicht auf gekürzte Versicherungspolicen.

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