Die Wissenschaft weiß, dass sie nichts ganz genau weiß
Handystrahlen machen - vielleicht - nicht krank

Auch die Wissenschaftler im Dienste der Industrie machen keine Aussage ohne diesen Vorbehalt.

wiwo/ap BERLIN. "Ich weiß ja auch nicht, ob dieses Haus nicht in der nächsten Minute zusammenstürzt. Das weiß ich erst, wenn die Minute rum ist", versucht sich Uwe Kullnick an einer Erklärung. Kullnick ist Biologe und Siemens-Mitarbeiter sowie Vorsitzender des Bitkom-Arbeitskreises "Mobilfunktechnik und Gesundheit". Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) hat nach eigenen Angaben 1 300 Mitglieder, darunter nahezu alle großen Firmen im Mobilfunk-Geschäft.

Wie Kullnick weiß auch sein Forscherkollege Andreas Wojtysiak, dass die Wissenschaft nichts genau weiß, wenn es um das Thema Handys und Gesundheit geht. "Wir bewegen uns im Rahmen von Wahrscheinlichkeiten", sagt der Biologe von der privaten Universität Witten-Herdecke.

Die Wissenschaftler versuchen, sich der Antwort mit der Methode der Falsifikation zu nähern: Ein mögliches Krankheitsfeld nach dem anderen wird eingegrenzt und auf mögliche Einflüsse der elektromagnetischen Strahlung untersucht. "Es gibt nur wenige und schwache Hinweise auf Gesundheitsrisiken", erklärt Wojtysiak. Zurzeit richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die Untersuchung möglicher Einflüsse bei der Entstehung von Krebs. Aus dem Fokus geraten ist hingegen die Frage einer möglichen Erbgutschädigung. "Es ist sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich, dass es da etwas gibt", sagt Wojtysiak. Auch gebe es wohl keinen Einfluss auf den lebenswichtigen Kalziumhaushalt des Körpers.

Dem "Blauen Engel" Irreführung vorgeworfen

Wenig hält die Branche vom "Blauen Engel" für Handys. Die von Bundesumweltminister Jürgen Trittin berufene Jury Umweltzeichen hat dazu SAR-Werte bestimmt - diese geben an, wie viel Energie beim Telefonieren vom Körper aufgenommen wird. Auch wenn die Mitglieder des Verbands diese Anforderungen für den "Blauen Engel" erfüllen können, wird die Umweltauszeichnung abgelehnt - weil damit unterstellt werde, dass ein Handy mit Siegel gesünder sei als ein Gerät ohne den "Blauen Engel".

"Der Blaue Engel mit seinen Angaben führt den Verbraucher schlicht in die Irre", kritisiert Siemens-Mitarbeiter und Biologe Olaf Schulz. Unterhalb der Grenzwerte, die unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Kommission für Nichtionisierende Strahlung (ICNIRP) publiziert würden, gebe es "keinen wissenschaftlichen Verdacht". Auch Langzeiteffekte hält Schulz nicht für wahrscheinlich: "Starke Sender, beispielsweise das Fernsehen, gibt es seit 70 Jahren. Und das sind keine anderen Effekte wie bei Mobilfunksignalen." Also doch eindeutige Aussagen? Da will sich Schulz nicht festlegen. Alle bestehenden Richtlinien entsprächen dem derzeitigen Stand der Wissenschaft, sagt er. Und dieser, man ahnt es schon, kann sich natürlich jederzeit ändern.

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