Die Zahl der Neuemissionen ist europaweit weiterhin rückläufig
Große Börsengänge bleiben in Europa rar

Die Börsenflaute lähmt auch den Markt für Neuemissionen. Bis zum Jahresende stehen in Europa aber immerhin noch zwei größere Börseneinführungen an: die französische Bank Crédit Agricole und der italienische Gasmonopolist Snam Rete Gas. Eine durchgreifende Belebung des Emissionsgeschäfts ist jedoch noch nicht in Sicht.

abo/fs/mab/pot FRANKFURT. Der neue Commerzbank-Vorstand Mehmet Dalman ist kein Mann der leisen Worte. "In den nächsten 12 bis 18 Monaten wird es keine größere Erholung bei den Neuemissionen geben", sagte Dalman dem Handelsblatt. Ganz so pessimistisch sind andere Experten zwar nicht. Aber an eine schnelle Wiederbelebung des Geschäfts mit den Börsengängen glaubt trotz der jüngsten Kurserholung an den Aktienmärkten kein Investmentbanker.

So meint etwa Martin Reinboth, Executive Director bei Morgan Stanley, "dass der Markt erst im kommenden Frühsommer wieder für Börsengänge mit breiter Beteiligung von Privatanlegern zugänglich ist." Auch nach Meinung von Georg Hansel, Managing Director bei der Deutschen Bank, sind "die Investoren derzeit nicht bereit, Risiken einzugehen". Voraussetzung für einen Aufschwung der Neuemissionen (IPO - Initial public offering) sei eine gefestigte Grundstimmung an den Börsen - die jüngste Kurserholung sei auf diesem Weg allenfalls ein erster Schritt. Größere Börsengänge erwartet er ähnlich wie Reinboth frühestens ab Mai.

Schlechte Aussichten für die Banken also, die in diesem Jahr einen dramatischen Einbruch im Emissionsgeschäft zu verkraften hatten. In Deutschland wurden nach Angaben der Deutschen Börse gerade einmal 18 Firmen mit einem Emissionsvolumen von 2,8 Mrd. neu gelistet. Auch die Liste der Aspiranten ist nicht allzu üppig. Neben einigen kleineren Firmen gelten vor allem die Mobilfunktochter der Telekom, T-Mobil, der Telekomkonzern Arcor und der Stromversorger EnBW als Hoffnungsträger für das kommende Jahr.

Der einzige Trost der Banken: Anderswo in Europa sieht es kaum besser aus. So ist in Frankreich das Geschäft mit Börseneinführungen im dritten Quartal weitgehend zum Stillstand gekommen. Euronext Paris registrierte nur zehn Neueinführungen mit einem Volumen von 25 Mill. , die meisten davon im Freiverkehr. Das letzte große IPO liegt schon lange zurück: Im Februar brachte France Télécom ihre Mobilfunktochter Orange für 6,2 Mrd. an die Börse.

Nun hofft die Finanzwelt auf den Börsengang von Crédit Agricole: Am Wochenende unternahm die Zentralkasse der genossenschaftlichen Finanzgruppe eine Roadshow bei ihren eigenen Mitgliedskassen, um diese von dem Plan zu überzeugen. Vorstandschef Jean Laurent will den Börsengang mit einem geschätzten Volumen von 4 Mrd. Anfang Dezember über die Bühne bringen.

Zahl der Neuemissionen hat sich in Großbritannien halbiert

Auch in Großbritannien läuft der Markt schlecht. Die Zahl der Neuemissionen hat sich bis Ende September auf 103 halbiert. Eine Besserung ist nicht in Sicht. "Es ist nicht so viel in der Pipeline in den nächsten Monaten", sagt der Investment-Banker einer Schweizer Adresse. Der Markt wird Mitte November zwar noch einmal aufhorchen. MM02, die Mobilfunk-Abspaltung der British Telecom, kommt am 19. November an die Börse. Das Volumen wird auf bis zu 16 Mrd. beziffert. Doch eine Wende ist das noch nicht. Erstens ist MMO2 kein "richtiges" IPO, weil jeder BT-Aktionär automatisch eine Aktie erhält. Und zweitens hat es sich damit auch schon wieder. So dürften Pläne der Handelskette GUS Plc, rund 25 % ihrer Luxus-Tochter Burberry an die Börse zu bringen, derzeit nicht mit Hochdruck verfolgt werden. "Ich glaube nicht, dass wir vor Ostern eine große Aktivität am Emissionsmarkt sehen", sagt Andrew Moffat, Global Head of Equity Capital Markets von WestLB Panmure. Und auch das sagt er nur unter dem Vorbehalt, dass die Quartalszahlen der Unternehmen in nächster Zeit positiv überraschen. Optimistischer ist Bobby Banks, Head of European Equity Capital Markets von JP Morgan Chase. Er verweist darauf, dass "die Handelsvolumen an Aktienmarkt seit dem 11. September um 25 bis 30 % gestiegen sind." Dies zeige, dass Geld vorhanden sei. Firmen mit gutem Fundament hätten daher eine Chance, an den Markt zu kommen.

Auch in Italien fehlt es an Dynamik: In den ersten neun Monaten des Jahres haben gerade 15 Unternehmen den Sprung aufs Parkett gewagt. Zwar sind mindestens 10-15 weitere IPO's in der Pipeline, bis Jahresende werden aber voraussichtlich nur zwei Kandidaten tatsächlich den Gang an die Börse wagen: Negri Bossi, ein führender Anbieter von Spezialmaschinen für die Kunststoffherstellung und - wesentlich wichtiger - der Gaskonzern Snam Rete Gas.

Rete Gas wird als echter Test für den Zustand der Finanzmärkte gewertet. Es handelt sich um das größte IPO des Jahres in Mailand. In unternehmensnahen Kreisen heißt es, dass der Mineralölkonzern Eni zwischen 30 und 40 % seiner Tochtergesellschaft für bis zu 2 Mrd. verkaufen will, was freilich nur noch der Hälfte des ursprünglich geplanten Inkassos entspricht. Snam Rete Gas besitzt praktisch die gesamte Gasinfrastruktur Italiens. Konsortialführer sind UBS Warburg und Banca IMI (San Paolo-Konzern).

Sollte die Emission erfolgreich verlaufen, prognostizieren Analysten für das erste Quartal kommenden Jahres eine Flut von IPO's. Auf einen festen Termin hat sich bislang aber nur die größte Volksbank des Landes, Banca Antoniana Veneta (Antonveneta), festgelegt: sie wird bis spätestens 31. Mai 2002 einen Teil des Kapitals an die Börse bringen. Auch Wind, die zweitgrößte Telefongesellschaft des Landes, will im Frühling rund 3 Mrd. einsammeln. Ursprünglich war die Operation für diesen Herbst vorgesehen. Auch die Sea, der Flughafenbetreiber von Mailand, der Fußballclub Juventus Turin und der Modekonzern Prada habe ihre Börsengänge verschoben und werden bei einer Entspannung der Situation eigenen Angaben zu Folge ihre Pläne realisieren.

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