Die Zeit nach Saddam Hussein
Iraker uneins über politische Zukunft

Wenige Iraker zweifeln an der Dringlichkeit der Aufgabe. Aber wie sie angegangen werden soll, wie ein irakisches Gremium gefunden werden kann und welche Rolle es gegenüber der US-Zivilverwaltung spielen soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Seit das Land faktisch in der Hand der US-geführten Truppen ist, wachsen die Spannungen zwischen Geistlichen, Exil-Politikern und einfachen Bürgern.

Reuters BAGDAD. Irakische Exilanten wie der Dekan eines islamischen Instituts mit Sitz in London wollen für die USA eine untergeordnete Rolle. "Der Irak sollte ausschließlich von Irakern regiert werden", sagt Scheich Hussein Sadr. Doch Iraker, die die Herrschaft Saddam Husseins im Land erlebt haben, stehen dem skeptisch gegenüber. "Hier bevorzugen wir es, (in der Übergangszeit) von den Amerikanern regiert zu werden", sagt ein Anwalt, der an den jüngsten Gesprächen über eine Übergangsregierung mit den USA teilgenommen hat. "Die Waisen Saddams sind noch am Leben."

Die Gespräche unter Leitung des mit dem Wiederaufbau des Landes beauftragten früheren US-General Jay Garner sind in dieser Woche einen Schritt weiter gekommen. Die beteiligten irakischen Gruppen einigten sich, innerhalb von vier Wochen eine Konferenz einzuberufen, die die Übergangsregierung wählen soll.

Nach Einschätzung ausländischer Experten gelingt es den irakischen Oppositionsgruppen jedoch auf diesen Konferenzen nicht, als einheitliche nationale Bewegung aufzutreten. "Sie müssen aber in Führung gehen, die Initiative ergreifen und den Amerikanern sagen, was sie wollen", sagte ein Experte, der als Beobachter an dem Treffen am Montag teilnahm. "Sie sind, was das angeht, immer noch zögerlich."

Die Erfolgsaussichten einer solchen irakischen Initiative sind indes offen. "Ich denke, die Amerikaner haben eine ziemlich klare Vorstellung davon, was sie im Irak wollen", sagt der Sicherheitsexperte am Royal Institute of International Affairs, Tim Garden. "Was sie wollen, ist demokratischer als Saddams Regime, aber weniger demokratisch als das, was wir als Demokratie bezeichnen würden."

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bemühte sich bei seinem Besuch in Bagdad am Mittwoch, Sorgen vor einer übermächtigen Stellung der USA zu zerstreuen. Nachdem er sich zu Beginn seiner Rede an die irakische Nation mit "Hallo, ich bin Don Rumsfeld" vorgestellt hatte, bekräftigte er: "Der Irak gehört Ihnen. Wir wollen das Land nicht regieren." Ziel der USA sei die Wiederherstellung von Stabilität und Sicherheit für eine künftige irakische Regierung.

Sicherheit und Stabilität wünschen sich auch einfache Bürger in Bagdad, wo drei Wochen nach dem Sturz Saddam Husseins in vielen Stadtteilen die Wasser- und Stromversorgung noch nicht wieder hergestellt ist und bewaffnete Jugendbanden die Straßen unsicher machen. Nisar Sarhan, ein Beamter im Ruhestand, verbindet mit der US-Präsenz aber wenig Hoffnung: "Den Amerikanern sind wir doch egal", sagt er. Mit dem irakischen Öl hätten sie bekommen, weswegen sie in den Krieg gezogen seien "und nun werden sie die Einrichtung einer Übergangsregierung verzögern", vermutet er.

Die Iraker hätten Saddam Hussein nicht verteidigt, weil sie ihn nicht gewollt hätten, sagt Sarhan noch. "Wenn es aber so weitergeht, wird das ganze irakische Volk die Amerikaner bekämpfen." Den 31-jährigen Elektriker Malik Mosal plagt dagegen eine andere Sorge: dass das Land unter einer irakischen Herrschaft zu Unterdrückung und Korruption zurückkehren könnte. "Ich hoffe, eine neue irakische Regierung bringt uns Sicherheit, Wasser und Strom. Aber ich fürchte, das wird eine Rückkehr zur Zeit unter Saddam. Das geht alles schon wieder los."

Der 27-jährige Amir Jassin träumt beim Billardspiel in einem Bagdader Lokal davon, einmal einen Billardclub in den USA zu besuchen, weit entfernt von dem "Wahnsinn und Mord" im Irak. Jassin findet zwar auch, dass die US-Streitkräfte den Irak schnell verlassen sollten. "Sie haben zu viele Fehler gemacht und werden dafür bezahlen, denke ich", sagt er. "Aber wenn sie gehen, können sie mich mitnehmen."

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