Die Zeiten haben sich geändert
Dot-Coms: Lebenslang für Totgesagte

Auch heute haben Internet-Unternehmen eine reelle Überlebenschance - wenn sie sich gut führen.

HB DÜSSELDORF. Bis vor einigen Monaten glaubten viele Internet-Unternehmer in Europa, es reiche, ein Unternehmen ins Leben zu rufen, zu finanzieren, es schnell in mehreren Städten groß raus zu bringen und sich dann zurückzuziehen. Diese Zeiten sind vorbei. "Zuerst muss man ein Unternehmen mit Umsätzen und der realistischen Aussicht auf Gewinne aufbauen, bevor man daran denken kann, es zu verkaufen oder an die Börse zu bringen", sagt William Stevens, Gründer von Europe Unlimited, einer Forschungsorganisation in Brüssel.

Schon jetzt gehen Unternehmen, die mit Wagniskapital finanziert wurden, nach Zahlen der amerikanischen Risikokapital-Forscher Venture Economics im Durchschnitt erst nach 6,3 Jahren an die Börse. Ende 1999 lag der Wert noch bei 4,8 Jahren.

>> Gewinne sind in.

Die Anleger fragen jetzt stärker nach, wie und wann sich denn Gewinne einstellen, und legen strengere Kriterien für den weiteren Entwicklungsweg an. Trotzdem kann man es mit der Forderung nach schnellerer Rendite auch zu weit treiben.

"Eine Menge Leute verlangt von jungen Unternehmen, einen Monat nach der ersten Finanzierungsrunde mit Gewinn zu arbeiten", sagt Pierre Morin, ein Wagniskapitalgeber bei Global Retail Partners in London. Morin begnügt sich damit, dass die wichtigsten Kennzahlen stimmen und eine flexible und vernünftige Kostenstruktur vorliegt.

>> Werbung mit Verstand.

Im vergangenen Jahr schien zeitweilig auf jedem Bus, jedem Taxi und jeder Anzeigentafel in London Werbung für ein Internetunternehmen zu kleben. Heute wenden sich die Unternehmen wieder eher Guerilla-ähnlichen Taktiken zu.

Narda Shirley, Gründerin der Werbefirma Gnash Communications in London, verschickte zum Valentinstag in einer Werbeaktion für das Reiseportal Lastminute.com E-Mails über die Werbekampagne an individuelle Online-Kunden. Gnash versucht nun außerdem, über Lifestyle-Magazine und-Sendungen Internet affine Verbraucher zu erreichen und nicht mehr wie früher Banker und Investoren über die Wirtschaftspresse anzusprechen.

>> Namen sind Schall und Rauch.

"Eine Zeit lang dachte man, wenn man nur bekannte Investoren gewinnt, könne man die Gesetze der Schwerkraft aufheben", sagt Guy Kawasaki, Chef der Gründerberatung Garage.com in Kalifornien. Heute zählt, dass sich Anleger langfristig engagieren. Das bestätigt auch Risikokapitalgeber Morin: "Uns sind Investoren mit bekanntem Namen egal. Wir stellen sicher, dass noch nicht zu viele Investoren da sind und dass die Leute rund um den Tisch auf einer Wellenlänge liegen und wirklich nüchtern rangehen."

>> Partner statt Investoren.

Niclas Carlsson, Chief Executive Officer von e-chron, einer Stockholmer Beratergesellschaft für Startups, empfiehlt jungen Firmen, 80 Prozent ihrer Zeit darauf zu verwenden, Kunden und strategische Partner zu suchen und nicht darauf, Wagniskapital zu finden. Zudem rät Carlsson von teuren Strategien zum Markenaufbau ab. Es gehe nicht mehr darum, das nächste Volvo, General Electric oder Ericsson zu schaffen, sondern diese Firmen als Partner zu gewinnen.

Oliver Samwer hatte seine Auktionsplattform Alando.de, die er 1999 an Ebay verkauft hat, noch mit Venture Capital finanziert. Diesmal hat er eine Kurve um traditionelles Wagniskapital gemacht. Rund 40 Prozent seines Mobilfunkportals Jamba.de werden von Media Markt/Saturn, der Mobilfunkgesellschaft Debitel AG und Electronic Partner gehalten. Die strategischen Partner böten eine Menge mehr als nur Geld. "Das sind Unternehmer", sagt Samwer.

>> Gründer mit Erfahrung.

"Anfang des vergangenen Jahres gab es eine Generation von Unternehmen, die man Powerpoint-Firmen nennen könnte", sagt Guy Kawasaki von Garage.com. "Sie hatten geniale Präsentationen und kriegten die Finanzierung zusammen."

Heute suchen die Geldgeber Gründer, die neben Branchenkenntnisse ihre Kontakte in ein neues Unternehmen mitbringen. "Wir suchen erfahrene Manager", bestätigt Thomas Hoegh, Gründer der Londoner Wagniskapitalgesellschaft Arts Alliance. Ein Grund: Erfahrene Führungskräfte dämmen die Personalfluktuation ein, indem sie den Mitarbeitern Vertrauen einflößen.

Für viele Internetunternehmen kommen gute Ratschläge zu spät. Eine Liste gescheiterter Startups ist im Internet unter www. whytheyfailed.com zu finden.

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