Die Züge rollen
Narren nehmen Irak-Krise aufs Korn

Mit derbem Spott über den "Steuerkanzler" und närrischen Seitenhieben auf den "Großen Bruder" George W. Bush haben am Rosenmontag Mill. Narren am Rhein den Höhepunkt des Straßenkarnevals gefeiert. Unter "Helau-" und "Alaaf"- Rufen zogen kilometerlange Umzüge durch die Innenstädte der närrischen Hochburgen Köln, Düsseldorf und Mainz.

HB/dpa KÖLN/DüSSELDORF/MAINZ. Die Hauptrollen auf den närrischen Motto-Wagen spielten die deutsche Wirtschaftspolitik und die Rolle der USA im Irak-Konflikt: Zärtlich umarmt knuddeln und busseln die nackten George W. Bush und Saddam Hussein unter einer Herzchendecke nach dem toleranten Düsseldorfer Motto "Läwe on läwe losse" (Leben und leben lassen). Auch in Aachen bezogen zahlreiche "Teufelchen" zum drohenden Irak- Krieg eindeutig Stellung: "Zum Teufel mit dem Krieg. Hölle, Hölle", hieß es auf ihrem Wagen.

Richtig derb fertigten die Narren die deutsche Opposition und ihre Haltung zum Irak-Konflikt ab: CDU-Chefin Angela Merkel steckte im Hintern von Bush und schwenkte das Sternenbanner. Aber auch "Schröder & Co" ernteten den Spott der Narren. "Da geht's lang", sagte der Kanzler aus Pappmaché in Düsseldorf mit einem Dutzend Armen und zeigt in zwölf verschiedene Richtungen.

Nach dem Spendenskandal nahmen die Narren in Köln korrupte Politiker aufs Korn. So wusch ein SPD-Mann in einer großen Waschmaschine fleißig Geld und an zahlreichen Prunkwagen hingen schwere Geldsäcke. Aber auch mit den Billigfliegern vom Köln-Bonner Flughafen kannten die Narren keine Gnade: "Wahn: Die lassen billig einen fliegen", war auf einem Wagen zu lesen. Eine überdimensionierte Figur hielt dabei wegen des Fluglärms die Ohren zu.

Supermodel Heidi Klum reiste eigens aus New York nach Köln, um für die Garde der "Roten Funken" Kamelle zu werfen. Ein Wagen wurde eigens dem Strahlemann Dieter Bohlen gewidmet. Das "Superstar"-Jury- Mitglied verfolgt Naddel und Verona Feldbusch und musste sich fragen lassen: "Was ist nur aus der deutschen Literatur geworden?"

In Mainz verpuffte eine Regierungserklärung am Pult des Bundestags in Seifenblasen unter dem Motto "Bla, bla, bla". In einer "Kammer des Schreckens" kettete Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) als Blut saugender Vampir den Steuerzahler an und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement wurde als Superminister im Supermankostüm von den "Geiern" Arbeit, Wirtschaft und Energie erdrückt. Zu Beginn des Zuges kam es zu einem leichten Unfall. Ein Motivwagen kippte beim Einbiegen auf einer Kreuzung um. Zwei Kinder fielen vom Wagen und wurden leicht verletzt.

"Zoff am Zoch" gab es dagegen nur im Ruhrgebiet. Während weit mehr als eine halbe Million Menschen die Züge in Duisburg, Gelsenkirchen Essen, Dortmund und Recklinghausen verfolgten, demonstrierten Tierschützer gegen das traditionelle "Gänsereiten". Dabei wird einer an einem Stock aufgehängten toten Gans von Reitern im Galopp der Kopf abgerissen.

Auch die Westfalen hatte am Montag das närrische Treiben im Griff. Mehrere hunderttausend Jecken feierten die Rosenmontagszüge im Münsterland. Der mit mehr als 120 Wagen, Blaskapellen und Fußgruppen längste Karnevalszug in Westfalen setzte sich pünktlich um 12.11 Uhr in Münster in Bewegung. Die Themen hier: das Dosenpfand und der grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin ("Am Dosenpfand die Finger verbrannt") und FDP-Lokalmatador Jürgen Möllemann ("Das Gievenbecker Steh-Auf-Männchen").

Bereits Stunden vor den Umzügen hatten sich die Jecken einen guten Platz am Straßenrand gesichert. Schunkelnd und singend stimmten sich die als Schokoladen-Riegel, Sonnenblumen oder Handys Verkleideten bei wenigen Sonnenstrahlen auf das närrische Treiben ein. Wie wichtig die närrische Zeit im Rheinland ist bringt dieser Vater auf den Punkt: "Mein sechsjähriger Sohn hatte bis gestern Fieber, aber ein echter Düsseldorfer Jung ist zum Zoch wieder fit."

Zum Auftakt der schwäbisch-alemannische Fasnet läuteten am Rosenmontag bereits um 8.00 Uhr die Turmuhren zum Narrensprung in Rottweil. Insgesamt feierten Zehntausende bei der "Da-Bach-na-Fahrt" im benachbarten Schramberg und beim großen Rosenmontagsumzug in Freiburg.

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