Die Zukunft ist in Aachen zu besichtigen
Im Schatten des LKW Surfen ohne Kabel

Mit drahtlosen Funknetzwerken (Wireless Lan) kann man mit dem Laptop ohne Kabelanschluss ins Internet gehen und das 200 mal schneller als mit einem ISDN-Anschluss.

AACHEN. Vom Wirtshaus Postwagen aus hat man den besten Blick auf die Handwerker, die mit einigem Getöse Marktstände abbauen. Aber dazu sind wir nicht nach Aachen gefahren. Auch nicht, um den Thron des großen Karl anzusehen. Der Besuch in der Kaiserstadt soll zeigen, ob es funktioniert, das Surfen im Internet ohne Kabel, Handy oder Telefondose, einfach per Funk. Demonstrieren will es René Nitzinger, Produktmanager bei Elsa, einem Produzenten von Hardware und Sendeanlagen, der diese Technik ermöglicht.

Nitzinger hat ein so genanntes Log Board vor sich liegen, eine Mischung aus Laptop und Handflächencomputer. Damit wählt er sich ins Internet ein und liest seine E-Mails. Vor dem Fenster aber wird es an diesem trüben Januartag noch ein wenig dunkler, es schiebt sich ein LKW mit Alu-Aufbau rückwärts an das Wirtshaus Postwagen heran. Schließlich verstellt der Lastwagen die Sicht fast komplett und unsere Online-Verbindung reißt ab.

Elsa hat zusammen mit der lokalen Telefon-Gesellschaft Accom in Aachen einen Hotspot, ein drahtloses Funknetzwerk für die City installiert. Die WLAN-Technik (Wireless Local Area Network drahtloses lokales Netzwerk) ist extrem preiswert, funkt auf einer lizenzfreien Frequenz und ist für Unternehmensnetzwerke schon seit etwa drei Jahren im Einsatz. Alles was dazu nötig ist: eine Sendestation, die etwa 1200 Euro kostet. Außerdem einen Funkadapter mit Antenne für 150 Euro, der ans Laptop angeschlossen werden kann. Hält man sich dann mit dem Rechner im Abstrahlwinkel des Senders und nicht mehr als 200 bis 500 Meter entfernt von ihm auf, kann man drahtlos surfen vorausgesetzt, es schiebt sich kein Laster zwischen Sender und Empfänger.

Die Gründe dafür, dass die Verbindung so leicht zu stören ist, führen direkt zu den Problemen des Aachener Projekts. Es gibt nur eine einzige Sendestation, und die hängt auf der anderen Seite des Marktes am altehrwürdigen Haus Löwenstein der Laster stand genau zwischen diesem und dem Postwagen. Um die Aachener Innenstadt wirklich auszuleuchten und derartige Probleme zu vermeiden, wären mindestens fünf Sender nötig. Doch Antennen aufzustellen, führe immer zu einem Kampf mit den Hausbesitzern, weiß Elsa-Mann Nitzinger aus eigener Erfahrung. Eine Zeit lang gab es nämlich schon in Aachen auch in der Innenstadt eine zweite Station. Aber die musste wieder abgebaut werden: Der Inhaber des Ladengeschäfts unter der Station hatte Angst vor Strahlen, da halfen die besten Argumente nichts. Nicht einmal, dass die Emissionen der Wireless-Fidelity (Wi-Fi) so heißt die Funktechnik nur ein Fünfzigstel der Strahlung von GSM-Handynetzen betragen.

Bis Ende Februar sollen aber tatsächlich fünf Antennen in Aachen installiert sein, versichert Ulrich Hacker, Geschäftsführer des Netz-Anbieters Accom. Für uns ist das Citynetz zur Image-Bildung wichtig. Es geht vor allem darum, zu zeigen, wie so was funktioniert. Wir hoffen, dass es auch spezielle Anwendungen geben wird. Im Klartext: Accom ist ein Netzbetreiber, die Dienste müssen andere entwickeln. Nach der kostenlosen Einführungsphase soll das drahtlose Surfen in Aachen etwa 6 Cent pro Minute kosten. Freimütig gibt Hacker zu, dass er nicht weiß, ob er damit jemals Geld verdienen kann.

Dass die Dollars bei diesem Geschäft nicht in der Luft liegen, musste der US-Anbieter Mobilestar erfahren: 3000 Filialen der Kaffeekette Starbucks in Amerika wollte man mit mobilen Zugängen ausstatten und den Kunden für 500 Minuten 35Dollar abnehmen. Zu teuer die Idee scheitert und Mobilestar ist inzwischen pleite. Für erfolgversprechender halten einige Anbieter das Installieren von Hotspots an Stellen, die vorwiegend von kaufkräftigen Leuten besucht werden. Die Firma Synavion eine Tochter von Siemens und Lufthansa betreibt zum Beispiel einen Hotspot im Airport Club am Frankfurter Flughafen. Genau wie in Aachen ist aber noch unklar, ob sich damit jemals schwarze Zahlen schreiben lassen. Armin ten Hompel, Senior Project Manager bei Synavion, hofft, dass zusätzliche Dienstleistungen den Margenverfall aufhalten.

Dazu könnten personalisierte Branchennachrichten ebenso gehören wie kurze Unterhaltungsfilme alles unterwegs und auf dem Laptop. Noch laufe aber, sagt ten Hompel, die Definitionsphase. Vielleicht ist es dabei egal, ob die Business-Kundschaft dafür bezahlt oder nicht, weil offenbar sowieso niemand ans große Geschäft mit lokalen Hotspots glaubt. Statt dessen wünscht sich auch ten Hompel, dass so das Thema drahtlose Funknetze vorangetrieben wird. Wir rechnen mit einem Multiplikator-Effekt. Die öffentlichen und halb öffentlichen Funknetze sollen für die Technik werben das Geschäft wird anschließend mit den WLAN-Anwendungen für Unternehmen gemacht, deren Mitarbeiter auf interne Angebote zugreifen.

Für diese Zielgruppe muss auch keiner mobile Gimmicks entwickeln, die die Kundschaft zum Mitmachen motivieren. Und vielleicht bräuchte man das am Aachener Markt auch nicht. Schließlich wollen die potenziellen Nutzer an erster Stelle mobil ihre E-Mails empfangen. Dies hat Elsa jedenfalls bei Marktuntersuchungen herausgefunden. Zu denselben Ergebnissen kam auch eine Untersuchung des US-Marktforschungsunternehmens Gartner: An zweiter Stelle steht das Surfen, an dritter der Zugriff auf eigene Dateien. Der Empfang lokaler Informationen wie Speisekarten oder Kinoprogramme stehen dagegen nur an vierter Stelle der Wünsche.

Was dem Projekt in Aachen helfen würde, ist größere lokale Aufmerksamkeit und mehr Unterstützung. Dass es hier noch Abstimmungsbedarf gibt, offenbart ein Anruf beim Presseamt. Dessen Leiter Hans Poth kann mit Fragen nach dem Funknetz wenig anfangen. Abgesehen von dem Hinweis, dass das Thema Nachrichtenmanagement im Fachbereich Gebäudetechnik angesiedelt sei. Auf die Frage, warum Aachen das drahtlose Netz nicht zur Eigenwerbung nutzt, fällt ihm nur ein: Vielleicht hat da noch keiner darüber nachgedacht. Er selbst wohl auch nicht. Übrigens: Poths Büro befindet sich im Haus Löwenstein dem Standort der bisher einzigen Sendestation.

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