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Die Zukunft liegt in der Zulieferung

Mittelständische Unternehmen sollen vom Outsourcing der Großunternehmen profitierenQ

KÖLN/MAINZ. "Mittelständische Unternehmen sind zunehmend gefragt - als Zulieferer, als Dienstleister, als Entwicklungspartner, als Wegbereiter neuer Technologien, als Anbieter von Nischenprodukten." Mit dieser Botschaft eröffnete Alexander von Tippelskirch, Vorstandssprecher der IKB, in Köln eine Gemeinschaftsveranstaltung seiner Bank, des BDI und der Stiftung Industrieforschung zu "Zukunftstrends für den Mittelstand, neue unternehmerische Chancen durch Outsourcing, Restrukturierung und Vernetzung".

Die gute Nachricht wurde allerdings durch Bernhard Rieder, Vice President von A.T. Kearney, gedämpft. Er sieht zumindest die größeren Mittelständler - mit Umsätzen zwischen 500 Millionen und 2,5 Mrd. Euro - "in der Komplexitätsfalle". Sie entstehe durch einen Mangel an Steuerungsprozessen und Führungsinstrumenten und führe zu einem "Effizienznachteil von bis zu 40 % gegenüber vergleichbaren Großunternehmen wie auch gegenüber kleinen Mittelständlern".

Der Hinweis, dass der VW-Konzern ein Einkaufsvolumen von 60 Mrd. Euro hat, weckte natürlich das Interesse der rund 300 Zuhörer der Veranstaltung. Offen blieb aber, in welchem Umfang deutsche Mittelständler davon profitieren. Die Aussage, VW wolle "bevorzugter Kunde ausgewählter Lieferanten" sein und ihnen "attraktive Volumina" bieten, machte aber deutlich, dass kleinere Unternehmen direkt kaum Aufträge zu erwarten haben.

Die Degussa AG wolle "die nicht originären Teile der Wertschöpfungskette abgeben", sagte Bereichsvorstand Carl Voigt. Da 70 % der Chemie-Unternehmen in Deutschland zwischen 20 und 200 Mitarbeiter haben, wird auch diesen die Auslagerung zugute kommen. Voigt sieht daher in der gegenwärtigen Entwicklung "sehr viel Musik für die mittelständische Industrie".

Hugo Fiege, Mitinhaber der Logistik-Gruppe Fiege, wies indessen darauf hin, dass "Outsourcing abhängig macht. Man verliert einen Teil seines Know-hows". Zu beherrschen sei dieses Problem aber durch klare Vereinbarungen und Joint Ventures, in die der Auftraggeber mit eintrete.

Zum Outsourcing-Konzept der Dürr AG erklärte der Vorstandsvorsitzende Stephan Rojahn, dass man einerseits Wertschöpfung von den Kunden übernehme. Man wolle das Systemangebot erweitern, komplette Kundenlösungen, schlüsselfertige Anlagen und eventuell auch Betreibermodelle anbieten. Andererseits lagert Dürr 75 % der Produktion an Zulieferer aus, um die Fertigungstiefe flach zu halten.

Gute Möglichkeiten für kleinere Mittelständler, die "dynamisch sind, sich anzupassen, Chancen sehen und darauf antworten", sieht auch BDI-Präsidiumsmitglied Jürgen Heraeus. Allerdings müsse man, wenn sich große Geschäftschancen böten, auch abwägen, "ob man das durchhalten kann". Seine Mahnung an die Großunternehmen: Echte Partnerschaft dauere oft nur ein paar Monate, "dann werden die Schrauben wieder angezogen". Außerdem warnte er die Großen davor, "ihr Risiko über die Kette nach hinten zu schieben." Dieses Modell werde nicht funktionieren.

Gute Chancen, speziell für kleine Unternehmen, sieht Arndt G. Kirchhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung des Autozulieferers Kirchhoff: "Wir werden weiterhin sehr viele kleine flexible Unternehmen haben, und wenn wir Glück haben, werden es noch mehr." Allerdings müssten sie "die Technologie beherrschen".

Auf dem Mittelstands-Tag des Verbands der Automobilindustrie (VDA) stellte Kirchhoff die Vorzüge kleinerer Unternehmen im Kontrast heraus: "Je größer Unternehmen sind, desto schwerfälliger werden sie. Deshalb fällt es ihnen oft nicht so leicht, dem großen Branchentrend zur Individualisierung der Autos zu folgen." Und: "Je größer, desto weniger profitabel - kleine Mittelständler verdienen in unserer Branche mehr als große."

Kirchhoff, Vorsitzender des VDA-Mittelstandskreises, sieht gewaltige strukturelle Veränderungen auf seine Branche zukommen: "In ein paar Jahren arbeiten wir in einer ,Automotive Community?, einer voll vernetzten und integrierten Produktionsumgebung, in der die Zulieferer direkt daran beteiligt sind, an einem einzigen Band viele verschiedene Modelle zu montieren."

Das erfordere nicht nur neue Abstimmungs- und Steuerungsprozesse: "Die Zulieferer, auch die mittelständischen, müssen sich öffnen. Die neuen Formen der Zusammenarbeit erfordern mehr Transparenz sowohl gegenüber den Partnern in der Autoindustrie als auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern." Denn: "Kooperationen und Netzwerke bauen auf Vertrauen."

Der VDA selbst will das Streben nach mehr Transparenz aktiv unterstützen. Er stellt den Mitgliedsunternehmen ein Rating-Modell als kostenlose Branchenlösung des Verbands zur Verfügung. "Dieses Modell wird zwar nicht die hauseigenen Verfahren der Kreditgeber ersetzen", erläutert VDA-Präsident Bernd Gottschalk. "Doch es schafft den Durchblick im eigenen Haus, um für Finanzierungsgespräche besser gewappnet zu sein."

Quelle: Handelsblatt vom 28.05.2003

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