Die Zuschauer gähnen
Die Macht der Stoppuhr ist absolut unerbittlich

Wer französischer Präsident werden will, braucht vor allem eines: eine Stoppuhr. Denn Frankreichs Wahlkampf ist bis auf die Sekunde genau geregelt.

cn PARIS. Mehrere Blöcke von genau drei Stunden stehen jedem der 16 Kandidaten zu, um Werbespots fürs Fernsehen zu drehen. Jeder Kandidat hat Anrecht auf die exakt gleiche Sendezeit: Nicht nur für seine Spots, auch in der Berichterstattung müssen die TV-Stationen allen Kandidaten die gleiche Zeit einräumen. Das alles steht so im französischen Wahlgesetz. Die "Égalité", die Gleichheit, ist eines der drei Gründungsprinzipien der Französischen Republik. Und da der Präsident dieses Ideal verkörpern soll, hielten es Frankreichs Gesetzgeber für eine gute Idee, wenn er sich im Wahlkampf daran gewöhnt.

Doch bei 16 Kandidaten stößt das Prinzip eben an seine Grenzen. Was für die kleinen Kandidaten ein Segen ist, wird für Fernsehmacher zur Plage. "Es ist grausam: Interviewen wir einen der großen Kandidaten, müssen wir auch all die schrägen Außenseiter genauso lange reden lassen", klagt die Moderatorin einer Nachrichtensendung. Da jeder Sender die Favoriten Jacques Chirac und Lionel Jospin zeigen will, kommen auch die anderen 14 auf die Matt-scheibe. Vorschrift ist Vorschrift.

Jeden Abend gibt es nun im Fernsehen Kandidatenbefragungen in 15-Minuten-Intervallen auf allen Kanälen. Reichlich Gelegenheit also für Frankreichs Souverän, seine Möchtegernpräsidenten kennen zu lernen - manchmal besser, als ihm lieb sein kann. Da sitzt etwa, krawattenbefreit, der Trotzkist Daniel Gluckstein und wünscht die Revolution des Proletariats herbei. Der rechtsextreme Mini-Napoleon Bruno Mégret zitiert pathetisch "den Kaiser" und kündigt an, Frankreichs Grenzen zu schließen.

Da müsste er natürlich erst mal gewählt werden. Das ist aber eher un-wahrscheinlich. Zwar profitieren einige Kandidaten, wie etwa der trotzkistische 27jährige Briefträger Olivier Besanceno, von der TV-Präsenz: Er hat seine Umfragewerte auf 3 % verdreifacht - wie auch Mégret. Dennoch bleiben sie letztlich chancenlos.

Ihren Wahlwerbespots kann der Aufschwung kaum geschuldet sein. Die Filmchen kommen zumeist daher wie holprige Home-Videos. Denn auch bei der Produktion gilt absolute "Égalité": Die Spots müssen in einem von vier identischen Studios gedreht werden. Mobiliar? Ist von der vorbereiteten Liste auszusuchen. Hintergrund? Es gibt Himmelblau, Apfelgrün und Schwarz. Geschnitten und abgemischt werden die Spots in vom Rundfunkrat videoüberwachten Containern, die eigens im Innenhof des Pariser Fernsehzentrums aufgebaut wurden. Auch die Fernsehteams stellt der Staat. Weil die staatliche Produktionsgesellschaft SFP jüngst privatisiert wurde, musste das Innenministerium in diesem Jahr erstmals eine Ausschreibung für den Neun-Millionen-Euro-Auftrag veranstalten. Das Rennen machte, oh Wunder, der öffentlich-rechtliche Sender France 3.

Die einzige politische Sendung, die sich nicht an die Diktatur der Stoppuhr halten muss, ist "Les Guignols de l?Info", die allabendliche Gummipuppensatireshow im Pay-TV-Sender Canal Plus. Sie veräppelt vor allem die Favoriten Chirac und Jospin. Während Chirac in jeder Folge nur noch als "Superlügner" im Supermannkostüm auftaucht, gilt Jospin seit Tagen als vermisst.

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