Die zwei Gesichter der griechischen Hauptstadt
Die verfälschten Spiele

Milliarden von Fernsehzuschauern sehen Athen, den bisher so stickigen, lärmenden Moloch, plötzlich mit anderen Augen. Alles neu, alles wunderbar. Doch die Fernsehbilder zeigen nur die halbe Wahrheit.

Milliarden von Fernsehzuschauern sehen Athen, den bisher so stickigen, lärmenden Moloch, plötzlich mit anderen Augen: Das moderne Olympiazentrum mit dem Dach des Star-Architekten Calatrava, das hübsche Stadion für Frieden und Freundschaft am Küstenort Neo Faliro, der schicke Helliniko Komplex - alles neu, alles wunderbar. Das Fernsehen sendet herrliche Bilder an all diejenigen, die nicht dabei sind.

Zuschauer, die hinter die hellblauen Kunststoffplanen "Welcome home, Olympia" blicken, sehen ein anderes Athen. Ein Athen der Provisorien und eine Metropole, die ihre kleinen und großen Schwächen nicht gänzlich verbergen kann. Die Stadien samt ihrer Anfahrtswege waren teuer genug - da blieb weder Zeit noch Geld, die Stadt auch jenseits der Sportstätten auf Vordermann zu bringen. Eine Bahnfahrt quer durch Athen zieht vorbei an renovierungsbedürftigen, verlassenen Häusern, an denen das einzig Bunte die Graffiti-Arbeiten sind. An staubigen Baugruben, auf die erbarmungslos die Sonne brennt. Frisches Grün gibt es erst wieder zu sehen, wenn Sportstadien und damit die TV-Kameras näher rücken. Vor der Haltestelle Irini, in der Nähe des großen Olympiazentrums, hat man im Abstand von kaum 50 Zentimetern schnell noch Palmen eingesetzt, die nach Wasser schreien.

Die Maskierarbeiten sind professionell, aber eben als solche erkennbar. Bei Neratziatissa türmt sich ein Schrottplatz hinter netten blauen Planen mit der Aufschrift "Athen 2004": Das ist nicht tragisch, sollte der Wahrheit zuliebe aber mal aufgeschrieben werden. Für all diejenigen, die vor lauter Olympia-Euphorie ihren nächsten Urlaub in Athen planen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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