Dienste vermuten in Djerba gezielten Anschlag gegen Zivilisten
El Kaida nimmt Touristen ins Visier

Das Bundeskriminalamt hat in Deutschland einen Mann verhaftet, der unmittelbar vor dem Anschlag auf Djerba mit dem Selbstmord-Attentäter telefoniert hat. Nach bisherigen Erkenntnissen ist die Terrorgruppe El Kaida verantwortlich. Vieles deutet darauf hin, dass die Terroristen gezielt gegen Touristen vorgehen.

BERLIN. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat am Montag Abend in der Nähe von Duisburg einen Mann verhaftet, der unmittelbar vor der Explosion auf der tunesischen Ferieninsel Djerba mit dem mutmaßlichen Attentäter telefoniert hat. Dieser soll den Mann in Deutschland angerufen und sich in dem Gespräch sinngemäß mit den Worten verabschiedet haben: "Ich wünsche Deinen Segen. Du kannst nichts mehr für mich tun". Das sagte dem Handelsblatt eine Quelle in deutschen Sicherheitskreisen, die namentlich nicht genannt werden darf.

Der Kontaktmann in Deutschland sei den Behörden seit längerem bekannt. Er sei beobachtet worden, weil er im Verdacht steht, zum Terrornetzwerk El Kaida zu gehören. Aus diesem Grund habe der für Terrorfahndung zuständige Generalbundesanwalt Kay Nehm bereits am Samstag die Ermittlungen an sich gezogen. Anlass sei der Hinweis auf den Telefonkontakt gewesen, bestätigte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke-Katrin Scheuten. Das Gespräch wurde offenkundig abgehört. Im Auftrag des Generalbundesanwaltes durchsuchte das BKA am Montag fünf weitere Objekte in Duisburg, Mühlheim und Haan bei Düsseldorf.

Dabei verdichten sich die Hinweise, dass es sich bei der Explosion des Gastankfahrzeugs vor der jüdischen Synagoge in Djerba am letzten Donnerstag nicht um einen Unfall gehandelt haben kann. Die arabische Zeitung "Al-Quds Al-Arabi" berichtete unter Berufung auf ein Bekennerschreiben, Osama bin Ladens Terrorgruppe El Kaida habe sich zu dem Anschlag bekannt.

Die deutschen Behörden gehen mittlerweile davon aus, dass sich der Anschlag eines Selbstmordattentäters gezielt gegen unbeteiligte Touristen richten sollte. Zwar ist die Synagoge La Ghriba auf Djerba das älteste jüdische Gotteshaus in Afrika. Wenn man aber nur die Einrichtung als jüdisches Symbol hätte zerstören wollen, wäre ein nächtlicher Angriff leichter gewesen, heißt es. Zeitpunkt und Tatbegehung würden darauf hinweisen, dass sich der Anschlag auch nicht gegen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde richtete. "Wenn man Menschen jüdischen Glaubens hätte treffen wollen, hätte man sie treffen können", meinen deutsche Ermittler. Schließlich seien die Termine bekannt, an denen die Gemeinde in der Synagoge regelmäßig zusammenkommen. Es spreche deshalb alles dafür, dass die Terroristen jetzt gezielt den Tourismus als neues Ziel ins Visier genommen haben. Die Synagoge gelte als beliebtes Ziel touristischer Ausflüge.

Ob die Attentäter speziell Deutsche als Opfer ausgesucht hätten, könne noch nicht gesagt werden. Der Angriff habe jedoch gezielt europäischen Reisenden gegolten, die in den Augen islamischer Fanatiker als Ungläubige, Anhänger Amerikas und Israels oder als Freunde des "Weltzionismus" gelten.

Dass durch den Anschlag auf Touristen auch wichtige wirtschaftliche Interessen Tunesiens geschädigt werden, passe durchaus ins Bild, heißt es in den Sicherheitskreisen. Die tunesische Regierung unterdrücke seit Jahren rigoros jede Form von radikalem oder fundamentalistischem Islamismus und gelte daher in den Augen der Extremisten nicht als befreundetes, arabisches Bruderland. Der Tourismus ist die wichtigste Devisenquelle Tunesiens. Rund 60 % der Tunesier sind direkt oder indirekt vom Geschäft mit den westlichen Urlaubern abhängig (Handelsblatt vom 15.4.2002).

Angesichts der neuen Erkenntnisse hält auch die Regierung in Tunis nicht mehr an der Version fest, die Explosion sei ein Unfall gewesen. Tunesiens Präsident Zineddine Ben Ali hat die Regierungen in Frankreich und Deutschland darüber jetzt informiert, dass es sich um einen Anschlag handeln könnte. Dies wurde gestern im Auswärtigen Amt bestätigt.

Obwohl von diesem Attentat aus erneut eine Spur nach Deutschland führt, wies der Bundesverfassungsschutz den Eindruck zurück, die Bundesrepublik entwickele sich zum Ruheraum arabischer Terroristen. In nahezu jedem westeuropäischen Land seien Ermittler nach dem 11. September auf Spuren des Netzwerks der Mudschahedin gestoßen, unter deren Dach auch El Kaida agiere. Entsprechend habe es in ganz Europa Verhaftungen gegeben.

Außerdem wurde bekannt, dass der Fahrer des Lastwagens, der die Explosion auf Djerba herbeiführte, zuletzt in der französischen Stadt Lyon gewohnt habe. Offen blieb zunächst, ob es sich dabei um einen Franzosen oder Araber gehandelt hat. Auch die französischen Behörden wollen sich jetzt vor Ort in die Ermittlungen einschalten.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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