Dienstgruppe als Ersatzfamilie
Polizisten leiden unter Burn-out-Syndrom

Bei Polizisten in sozialen Brennpunkten besteht laut einer neuen Studie die Gefahr, dass Professionalität in Aggresivität umschlägt.

HB KÖLN. Viele Polizisten in sozialen Brennpunkten leiden nach einer neuen Studie unter so genannten Burn-out-Symptomen der Erschöpfung und des Ausgebranntseins. Zugleich bestehe bei ihnen eine erhöhte Gefahr, dass Professionalität in Aggressivität umschlägt, ergab die Studie zur Polizeiarbeit, die in Köln vorgestellt wurde. Die in zweieinhalb Jahren entstandene wissenschaftliche Erhebung "POLIS - Polizei im Spiegel" sei von ihrer Bandbreite her einzigartig, sagte Prof. Gerd Wiendieck von der Fern Hagen. -Universität Ein Forscherteam unter seiner Leitung hatte Polizisten der Kölner Innenstadt-Polizeiinspektion 1 (PI 1) schriftlich und mündlich befragt. Die Studie gelte auch für andere Großstadtinspektionen, sagte Wiendieck.

Demnach verbinden die meisten Polizisten trotz der Belastung in sozialen Brennpunkten positive Gefühle mit ihrer Arbeit. Allerdings habe jeder sechste Beamte so genannte Burn-out-Symptome eingeräumt. Etwa 15 bis 20 Prozent der befragten Polizisten hätten zugegeben, aggressive Gewaltanwendung etwa gegen Festgenommene sei in ihrem Umfeld vorstellbar. "Polizeibeamte sind Menschen der Tat und damit eher in Versuchung, über eine Grenze zu gehen", sagte Wiendieck. "Das ist ein tabuisiertes Thema." Mehr als 16 Prozent der Befragten sprachen von einem "Gefühl des Ausgebranntseins". Hintergrund seien nach Darstellung der Befragten eine zunehmende Respektlosigkeit, Beleidigungen und Beschimpfungen. Hinzu komme der Dauer-Ärger über eine als unzureichend empfundene Ausstattung. Dies werde als Geringschätzung empfunden.

"Die Polizeibeamtinnen und-beamten haben nicht selten das Gefühl - gleichsam allein auf weiter Flur - für Recht und Ordnung sorgen zu müssen", heißt es in der rund 190 Seiten umfassenden Studie. Oftmals lasse nach ihrer Meinung die Justiz Straftäter zu schnell wieder frei. Dennoch hätten neun von zehn Befragten angegeben, sie wollten bei der Kölner Innenstadtinspektion - die größte in der Rheinmetropole - bleiben. Er habe "einen ganz hohen Grad von Identifikation mit dem Beruf und von Engagement" festgestellt, sagte Wiendieck.

Mitunter werde die Dienstgruppe als Ersatzfamilie betrachtet. Dies könne allerdings zu einem "falsch verstandener Korpsgeist" in kleinen Gruppen führen. Auf der Wache Eigelstein, die zur PI 1 gehört, sollen mehrere Polizisten am 11. Mai einen festgenommenen Mann krankenhausreif geschlagen haben. Der 31-Jährige war nach zweiwöchigem Koma am 24. Mai gestorben. Die Wache liegt in einem Viertel mit Drogenszene und Rotlichtmilieu. Die Untersuchung habe durch die jüngsten Vorwürfe "neue Brisanz" bekommen, sagte Wiendieck.

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