"Diese Frau hat einen einmaligen Lebenslauf"
"Kohl hat Merkel 100 Mark für Make-up gegeben"

Das Ensemble der renommierten Neuköllner Oper spielt in ungewohnter Umgebung. Die Schauspieler sind umgeben von kargen grauen Betonwänden, Baugerüsten und weißen Plastikplanen. Sänger und Musiker spielen tief unter der Erde im unvollendeten U-Bahnhof Reichstag.

REUTERS Berlin. Das Gebäude liegt zwischen den deutschen Machtzentralen Kanzleramt und Bundestag. Nur hundert Schritte entfernt zog sich einst die Mauer durch die Stadt. Ein Ort des "wiedererstarkten Selbstbewusstseins und des stillen Scheiterns", sagen die Veranstalter. Es ist kühl. Lange hallen die Arien bei einer der letzten Proben am Mittwochabend durch die Gewölbe.

Merkel-Darstellerin Kathrin Unger singt im schwarzen langen Kleid und mit Rotschopf von Atommüll, Regionalkonferenzen und der K-Frage. Der Mann in der Rolle von Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU), Stephan Korves, beäugt sie misstrauisch und singt nicht. "Wir werden ja sehen, wer übrig bleibt", sagt er.

Die Oper soll eine Frau zeigen, die bis zum Fall der Mauer im Osten Berlins "einen politischen Dornröschenschlaf geschlafen" habe und es schließlich bis an die Spitze der CDU schaffte, heißt es im Begleittext zu der gut zwei Stunden dauernden Aufführung. "Es ist mehr als eine Biografie. Merkel ist eher ein Statthalter", sagt Regisseur Robert Lehmeier. Ihm gehe es darum, die absolute Vereinzelung im Politikbetrieb zu zeigen. Immer wieder stehen die Figuren auf der Bühne einsam auf einem roten, gepunkteten Teppich oder sitzen in Schaukästen unter Neonlicht.

Merkel - Ein Lebenslauf wie eine Oper?

Auch die Figuren Glos, Schäuble und Koch beäugen Merkel misstrauisch. Beim Auftritt von FDP-Chef Guido Westerwelle in gelbem Scheinwerferlicht wird die Musik lieblich. "Das ist Angie, die Schlange, wer wird da nicht bange?", singt er mit einer Flasche Rotwein in der Hand. "Es geht um Macht", sagt Regisseur Lehmeier. Aber ein wenig Komik fehlt auch nicht, etwa wenn es an einer Stelle um einen neuen Spendenskandal geht: "Kohl hat Merkel 100 Mark für Make-up gegeben. Aber keiner weiß, wo die geblieben sind."

In "realitätsnahen wie gleichzeitig fiktiven Bildern", so die Ankündigung, soll die Hauptperson auf die Bühne kommen. "Angela Merkel hat einen sehr einmaligen, sehr deutschen Lebenslauf", sagt Textautor Michael Frowin. "Ihre Geschichte hat eine sehr große Fallhöhe: Sie war das Ziehkind Kohls, legte eine beispiellose Politik-Karriere hin. Das reicht bis zu ihrer brutalen Demontage in den eigenen Reihen in der Kanzlerkandidaten-Frage."

Den 32-jährigen Kabarettisten Frowin faszinierte, dass sich die ehemalige Ministerin Merkel in der CDU-Spendenaffäre auch mit Kohl anlegte und doch immer wieder als graue Maus bezeichnet wurde. Die Ereignisse findet er für die Bühne besonders gut geeignet. "Angela" ist eine traditionelle Oper, aber mit moderner Musik. Streich- und Saxofon-Musik untermalt den Kampf der Hauptfigur um die Macht. Ein Journalisten-Chor meldet sich in Abendgarderobe mit Kommentaren zu Wort. "Das wird ganz saftiges Musiktheater", verspricht Frowin.

Reges Interesse schon vor der Premiere

Man habe nicht ein antikes Thema, das schon 150 Mal durchgespielt worden sei, wieder auffrischen wollen, erklärt Frowin. Daher sei Regisseur Lehmeier vor zwei Jahren mit der Idee einer Nationaloper an ihn herangetreten. "Es ist mutig, sich nicht auf ein bekanntes Stück zu verlassen, denn es kann schon in die Hose gehen", findet er. Die Aufführungstermine kurz vor der Bundestagswahl seien natürlich "geschickt platziert", sagt Frowin. Das Stück solle aber nicht allzu tagesaktuell sein. "Wir wollen es auch noch in zehn Jahren spielen können."

Die echte Angela Merkel hat noch bis zum Wahltag Gelegenheit für einen Besuch. Am 22. September soll die vorerst letzte von insgesamt 18 Vorstellungen über die Bühne gehen. Eine Einladung zur Premiere sagte Merkel ab - aus Termingründen. Hauptdarstellerin Unger kann sie jedoch beruhigen: "Wir haben uns bemüht, sie nicht bloßzustellen."

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