Differenzen zwischen Washington und Berlin offiziell heruntergespielt
Bush spricht mit vielen – aber nicht mit Schröder

Dem hochrangigen Mitarbeiter im US-Außenministerium platzt der Kragen: "Was für einem Meinungsforscher geht Bundeskanzler Gerhard Schröder eigentlich auf den Leim, Amerika derart an den Karren zu fahren?"

HB WASHINGTON. Wenige Stunden zuvor hatte Gerhard Schröder (SPD) die Irak-Debatte erneut angefacht. Falls die USA einen Krieg gegen Bagdad begännen, werde "Deutschland nicht die Hacken zusammenklappen", sagte der Bundeskanzler bei einem Wahlkampf-Auftritt am Montagabend in Ludwigshafen. "Solche öffentlichen Äußerungen sind eines Kanzlers nicht würdig", kritisiert der Regierungsbeamte im amerikanischen Außenministerium. "Wenn er so weitermacht, wird er in Washington bald nicht mehr allzu viel Respekt genießen."

Offiziell werden die neuesten Spitzen des deutschen Bundeskanzlers von der US-Administration nicht kommentiert. Doch Mitarbeiter des Außenministeriums, die bis vor kurzem noch die Abgrenzungsversuche aus Berlin mit der Hitze des deutschen Wahlkampfes erklärten, schütteln zunehmend den Kopf.

Im Weißen Haus gibt man sich zugeknöpft. "Wir mischen uns nicht in deutsche Innenpolitik ein", sagte ein hochrangiger Mitarbeiter von Präsident George W. Bush im Gespräch mit dem Handelsblatt. Deutschland sei aber nach wie vor ein "wertvoller Freund und Nato-Partner".

Zwischen den Zeilen wird allerdings deutlich, dass die Bundesregierung derzeit auf Bushs Prioritätenliste nicht vorkommt. So habe der Präsident am Montag mit Spitzenpolitikern aus Saudi-Arabien, Ägypten, der Türkei, Dänemark sowie mit Generalsekretär Kofi Annan telefoniert, heißt es aus Bushs Umfeld. Ein Anruf nach Germany war nicht dabei und sei auch nicht geplant.

Die rauere Tonlage in der US-Hauptstadt bekommt auch der deutsche Botschafter Wolfgang Ischinger gelegentlich zu spüren. In der "O?Reilly Show", einem konfrontativ angelegten Frage-und-Antwort-Spiel im Fernsehsender Fox, wurde Ischinger vom Moderator kürzlich mit folgenden Worten empfangen: "Wir haben euch nach dem Zweiten Weltkrieg den Arsch gerettet. Und wir haben euch während des Kalten Krieges vor den Russen geschützt, wie Sie wissen. Jetzt sagen die Amerikaner zu Deutschland, bitte, vertraut uns. Wir glauben, Saddam Hussein bedroht die ganze Welt. Lasst uns den Mann aus dem Weg räumen, und ihr sagt: Nein. Was soll das?"

Ischinger, der sich normalerweise nur schwer aus der Reserve locken lässt, ging sofort in die Offensive: "Bill, ich bin froh, dass Sie nicht der Präsident der Vereinigten Staaten sind", konterte der Diplomat. "Denn was Sie hier sagen, ist in der Tat völlig unverantwortlich." Danach unterstrich Ischinger die Dankbarkeit der Deutschen für das Engagement der Amerikaner. Gleichzeitig mahnte er eine Debatte über "komplexe Fragen an, die noch nicht beantwortet wurden".

Auch in der Sendung "This Week" des Kanals ABC musste sich Ischinger kritischen Fragen stellen. "Was ist aus der uneingeschränkten Solidarität geworden?" wollte der ehemalige Präsidentensprecher George Stephanopoulos mit Blick auf Schröders Zusage nach dem 11. September wissen. Der Botschafter versuchte, mit feinen Differenzierungen den Dampf aus der Debatte zu nehmen. So stelle die Bundeswehr 10 000 Soldaten im Kampf gegen den Terror, so viel wie kein anderes Land außer den USA. Der Irak sei ein davon losgelöstes Problem und müsse zunächst über die verschärfte Kontrolle durch die Uno-Waffeninspekteure angegangen werden, sagte Ischinger.

Seit Bundeskanzler Schröder vor einem "militärischen Abenteuer" im Irak gewarnt hatte, hätten die Anfragen amerikanischer Medien deutlich zugenommen, heißt es in der deutschen Botschaft in Washington. Dennoch berichteten die US-Zeitungen bislang ohne polemische Schärfe über die Position der Bundesregierung. Die "Los Angeles Times" kommentierte dieser Tage sogar: "Anstatt auf Schröder zornig zu reagieren, sollte die Bush-Administration mehr auf die mahnenden Worte des Kanzlers hören."

Auch in den Meinungsumfragen halten sich die transatlantischen Spannungen im Rahmen. Nach einer Anfang September veröffentlichten Studie des Deutschen Marshall-Funds der USA haben sich 65 Prozent der Amerikaner und 60 Prozent der Europäer dafür ausgesprochen, den irakischen Staatschef Saddam Hussein nur mit Zustimmung der Uno zu stürzen.

An Präsident Bush scheiden sich allerdings die Geister. Während 53 Prozent der US-Bürger seine Außenpolitik für gut bis ausgezeichnet halten, meinen dies nur 38 Prozent der Europäer.

Quelle: Handelsblatt

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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