Digitale Bibliothek: Erfolgreicher Brückenschlag zwischen Literatur und PC
"Der Fun-Faktor spielt bei uns nicht die ganz große Rolle"

ap FRANKFURT. Seit drei Jahren probt die Digitale Bibliothek des Berliner Verlags DirectMedia den Brückenschlag zwischen Buch- und Computerwelt. Als eine der erfolgreichsten CD-ROM-Serien besteht die mittlerweile 40 Titel umfassende Sammlung aus 750 000 Buchseiten - zumeist Klassiker und Standardwerke aus Literatur und Kunst, Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Verlag wandelt aber nicht einfach Papier in Bits und Bytes um, sondern will nach den Worten von Geschäftsführer Ralf Szymanski "das elektronisch beibehalten, was in Jahrhunderte alter Buchtradition errungen wurde".

Die Digitale Bibliothek will dem gedruckten Buch nicht Konkurrenz machen. "Im Gegenteil", heißt es in einer Selbstdarstellung, "sie will vielmehr die spezifischen, bislang kaum ausgeschöpften Möglichkeiten der elektronischen Erfassung und Verarbeitung von Texten und Abbildungen nutzen, um die Welt der Bücher neu zu erschließen."

Texterfassung in Rumänien und China



Ein großer Teil der elektronischen Texterfassung findet im rumänischen Kronstadt (Brasov) statt, wo der Verlag eine Niederlassung mit 65 Mitarbeitern unterhält. Dort arbeiten zumeist Absolventen des deutschen Honterus-Gymnasiums in Kronstadt: die Neuen Medien machen sich die kulturelle Tradition im alten Siebenbürgen zu Nutze. Bücher mit moderner Schrift werden eingescannt und anschließend manuell nachbearbeitet. Bei älteren Büchern aber müssen die Texte mühsam mit der Hand eingetippt werden - "die alte Fraktur-Schrift entzieht sich beharrlich jeder Texterkennung", sagt Szymanski. Ein Teil der Abtipp-Arbeit findet in China statt, wo DirectMedia mit einer Dienstleistungsfirma bei Peking zusammenarbeitet. Der Datenaustausch erfolgt über das Internet. In Berlin findet die Endredaktion statt, dort haben 21 DirectMedia-Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz.

Genutzt wird die Digitale Bibliothek vor allem von Lehrern, Schülern und Wissenschaftlern. Auf CD-ROM können die literarischen und philosophischen Werkausgaben, Handbücher und Fachlexika sehr viel schneller nach einer bestimmten Stelle durchsucht werden. Die Seitenkonkordanz - also die genaue Entsprechung der Seitenzählung in elektronischer und gedruckter Ausgabe - ermöglicht das wissenschaftlich korrekte Zitieren. Die Texte können frei kopiert und gedruckt werden, sie liegen in einem selbst entwickelten Format vor, das sich an den SGML-Standard anlehnt, Metadaten zum Inhalt der Texte einschließt und eine ebenso schnelle wie komplexe Volltextsuche unterstützt. Die Software ermöglicht den einheitlichen Zugriff auf alle Titel.

MGG und Lyriksammlung im künftigen Verlagsprogramm



"Der Fun-Faktor spielt bei uns nicht die ganz große Rolle", gesteht der Geschäftsführer. Die Auflagen für Werke wie "Die Geschichte des deutschen Buchwesens" bleiben denn auch meist unter 10 000. Die Klassikersammlung "Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka" aber nähert sich nach Angaben Szymanskis der Schwelle von 30 000 verkauften Exemplaren; dieses Werk wird zur Buchmesse in einer `Studienbibliothek" neu aufgelegt und umfasst dann 108 Autoren auf 160 000 Seiten. Dank der günstigen Kostenkalkulation mit der Texterfassung im Ausland "sind wir kurz davor, die schwarze Null zu erreichen", sagt der Geschäftsführer. Beim Umsatz erwartet er in diesem Jahr eine Steigerung um mehr als 20 Prozent auf 2,7 Mill.DM.

Szymanski gründete DirectMedia 1994 und ist bis heute einer von vier Gesellschaftern des mittelständischen Unternehmens, das seine Unabhängigkeit erhalten hat. "Wir wollten vom ersten Tag an Literatur elektronisch behandeln", sagt er und erinnert an das erste Projekt, das gemeinsam mit dem Reclam-Verlag auf die Beine gestellt wurde. 1997 ging es dann mit Hilfe der stillen Beteiligung eines privaten Investors einen großen Schritt nach vorn. Mit Mathias Bertram wurde ein eigenes Lektorat aufgebaut, und mit Startinvestitionen von einer Million Mark entstand die Digitale Bibliothek.

Wer alle bisher erschienenen 40 Titel der CD-ROM-Reihe im Bücherschrank stehen hat, spart mehrere Regalmeter ein. Zu den bisherigen Highlights gehören Werkausgaben von Goethe, Fontane und Tucholsky, Wilperts Lexikon der Weltliteratur, die Werke von Marx und Engels, die Propylen-Weltgeschichte, Kindlers Malerei-Lexikon und die Luther-Bibel. Zu den künftigen Höhepunkten im Programm zählen nach Angaben Szymanskis die `Musik in Geschichte und Gegenwart" (MGG) und eine Lyriksammlung. Außerdem wird überlegt, inwieweit auch Nationalliteraturen anderer Länder einbezogen werden können. Das hört sich nach viel Arbeit für die Texterfasser an - so soll denn auch die Niederlassung in Rumänien demnächst auf 100 Mitarbeiter aufgestockt werden.

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