"Digitalkameras sind prädestiniert für die Foodfotografie“
Digitale Petersilie

Foodfotograf Kai Mewes hat sich von der analogen Kameratechnik verabschiedet. Seine vergänglichen Motive bannt er nur noch auf den Chip - und kann gleich am Bildschirm kontrollieren, ob sie lecker aussehen.

Beim Essen kommt es auf die Farbe an. Und darauf, wie die Zutaten auf dem Teller angerichtet werden: Möhre und Fenchel müssen im richtigen Winkel zum Fischfilet liegen, der Tupfer Currysauce muss appetitlich glänzen, die Dekoration aus Tomate, Petersilie und Sesamkörnern darf nicht aufdringlich wirken.

Um Geschmack geht es nicht, eher darum, wie lange die Komposition dem Scheinwerferlicht standhält. Denn Minuten später welkt einem die Petersilie entgegen. "Auch Kerbel und ganz besonders Eis sind empfindlich", sagt Kai Mewes, wenn er an seine vergänglichen Motive denkt. Der 38-Jährige arbeitet in München als selbstständiger Foodfotograf, seit einiger Zeit ausschließlich mit digitaler Kameratechnik und PC.

Im Team mit dem Food-Stylisten Daniel Petri bringt der gelernte Werbefotograf aufgeschäumte Cocktails ebenso zur Geltung wie sprudelndes Mineralwasser. Fünf bis sechs Rezeptfotos füllen einen ganzen Arbeitstag. Und das, obwohl die Motive à la minute abgelichtet werden. "Der weiße Aufnahmetisch ist für mich wie das weiße Blatt Papier für den Dichter", sagt Mewes, der sich in seinen "Brotjobs auch künstlerisch verwirklicht" sieht.

Der Aufbau braucht bis zu zwei Stunden, wenn er perfekt wirken soll. Gemüse wird höchstens eine Minute blanchiert: "Gares sieht zu tot aus." Schokolade wird unappetitlich matt-milchig, wenn sie der Studiowärme lange ausgesetzt ist. Und dass perlender Prosecco schnell zu einem trägen Gebräu wird, weiß jeder, der den Begrüßungsschluck auf der Party nicht gleich trinkt.

Sind Stylist und Fotograf zufrieden, muss die Aufnahme blitzschnell in den Kasten. Die Scheinwerfer und vor allem die Kamera mit dem Chip an der Rückseite, das Kabel zum PC, die Fotosoftware sind gerichtet. "Digitalkameras sind prädestiniert für die Foodfotografie", meint der Fotoprofi, der von der Reportage zur Mode und dann zu den Stillleben kam, zuerst zur Architektur, seit Mitte der 90er-Jahre zum Essbaren. "Früher gab es Probeschüsse auf Polaroid, doch die hatten eine zu lange Entwicklungszeit und eine schwankende Qualität in der Farbe", erzählt Mewes, der damals zwei Stunden warten musste, bis der Film entwickelt war und jetzt die Parameter seiner Fotografie gleich am Bildschirm kontrollieren kann.

"Rezeptbilder sind für mich emotionale Fotografie", wägt Kai Mewes bedächtig die Beweggründe ab, die ihn aus der Reportagefotografie zur Studioarbeit und zum Verlag Gräfe und Unzer gebracht haben. Die Digitalkamera erlaubt Mewes, Erbsen von einem Tellerrand zum anderen zu rollen und alle Varianten gleich im Bild zu sehen.

Beliebt waren digitale Datensätze bei den Buchverlagen nicht. Anders als bei Agenturen und Zeitschriften mochten die Redakteure bei der Begutachtung der Bilder den Leuchttisch nicht gegen den PC eintauschen. Doch Mewes, der sich "im Studio als Regisseur, nicht als Dokumentar fühlt", bewies den Skeptikern geduldig, dass er mit der ungeliebten Technik Qualität schafft: "Ich habe von den digitalen Daten Dias im Mittelformat hergestellt, bis der Anruf aus der Redaktion kam, Papierausdrucke reichten."

Ob Torten, kalte Platten, Partybuffets, Teller des Drei-Sterne-Kochs Harald Wohlfahrt aus der Baiersbronner Traube-Tonbach: Kai Mewes bannt nun nichts mehr auf Zelluloid, sondern alles auf den Chip.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%