DIHK-Frühjahrsumfrage überraschend negativ – Erholung kommt spät und schwach
Wirtschaft verliert Glauben an Eichels Prognosen

Düstere Konjunktur-Aussichten gefährden die Defizit-Ziele der Bundesregierung: Die Firmen rechnen 2002 mit einem späten und schwachen Aufschwung. Groß ist die Sorge vor einer zu hohen Lohnrunde.

ost/pbs/uhl HB DÜSSELDORF/BERLIN. Die deutsche Wirtschaft hat die Konjunkturflaute noch nicht überwunden. Die Unternehmen sehen die Konjunktur auch Anfang 2002 noch "am Rande der Rezession". Dies ist das Ergebnis der Frühjahrsumfrage unter 25 000 Firmen, die der Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gestern in Berlin vorstellte. Der Verband rechnet 2002 nur mit einem "kraftlosen Wachstum" von 0,5 %.

Diese pessimistische Prognose setzt die rot-grüne Koalition zusätzlich unter Druck. Wenn sie sich bestätigt, dürfte es schwierig werden, das Defizit-Ziel einzuhalten. Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hatte am Dienstag der EU zugesagt, bis 2004 einen "nahezu ausgeglichenen Gesamthaushalt" zu erreichen. "Dies ist nur bei einer außerordentlichen Wachstumsdynamik zu erreichen", sagte DIHK-Chefvolkswirt Axel Nitschke. Eichel selbst hatte eingeräumt: Das Ziel sei nur zu schaffen, wenn die Wirtschaft 2003 und 2004 jeweils mindestens 2,5 % wachse.

Das Bundesfinanzministerium (BMF) gibt sich indessen gelassen: Die von der Regierung erwarteten rund 0,75 % Wachstum seien "realistisch", sagte ein BMF-Sprecher dem Handelsblatt. Die Regierung liege damit auf einer Linie mit der EU-Kommission und anderen Organisationen wie dem IWF.

Doch auch steigenden Arbeitslosenzahlen könnten 2002 neue Löcher in die öffentlichen Kassen reißen: Die Unternehmen wollen jetzt mehr Stellen streichen als noch im Herbst. Der DIHK erwartet im Jahresschnitt mehr als 4 Mill. Arbeitslose. Die Bundesregierung prognostiziert dagegen knapp unter 4 Millionen.

Insgesamt zeichnet der DIHK ein negatives Bild von der deutschen Wirtschaftslage: "Der Aufschwung kommt spät und schwach", sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben.

Besonders schlecht steht es um die Investitionen - dort sehe es "schlechter aus als während der Rezession 1993." Ein Grund dafür seien die "schlicht aberwitzigen" Forderungen der Gewerkschaften, so Wansleben. "Die Angst vor einer überzogenen Lohnrunde legt sich wie ein Schatten auf Investition und Beschäftigung." Einziger Hoffnungsträger für einen Aufschwung sei der Export.

Der pessimistischen Tenor der DIHK-Umfrage steht im Gegensatz zu positiveren Signalen der vergangenen Wochen. Im Janaur stieg der Ifo-Geschäftsklima-Index zum zweiten Mal in Folge. Im Dezember lagen in der Industrie zudem Auftragseingänge und die Produktionszahlen deutlich über den Erwartungen von Volkswirten. Der Mittelstand habe bei der DIHK-Umfrage eine höhere Bedeutung als im Ifo-Klima, erklärte Gernot Nerb vom Ifo-Institut die Diskrepanz.

Ökonomen verdirbt die Umfrage nicht die Laune: "Solche Untersuchungen hinken bei konjunkturellen Wendepunkten immer etwas hinterher", sagt Joachim Scheide, Konjunkturexperte des Kieler Insituts für Weltwirtschaft. Er rechnet 2002 weiterhin mit 1,2 % Wachstum. "2002 wird als Jahr, in dem die Rezession überwunden wurde in die Geschichte eingehen", meint Martin Hüfner, Chef-Volkswirt bei der Hypovereinbank.

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