Diplomaten deuten Kompromissbereitschaft in der EU-Agrarpolitik an
Chirac und Jospin umwerben Frankreichs Bauern

Alle Jahre wieder im Februar, zur großen Landwirtschaftsmesse in Paris, mischen sich Frankreichs Politiker unters Landvolk. Im Superwahljahr - im Mai wählen die Franzosen einen neuen Präsidenten, im Juni ein neues Parlament -, zählt der Kontakt zu Kuh und Bauer besonders.

PARIS. Die nervöse Kuh hatte das erdbraune Sakko von Lionel Jospin befleckt. Aber Frankreichs Premierminister übersah die Viecherei souverän. Auch später gab sich der sonst so unnahbare Jospin naturverbunden: Er nahm ein zappelndes Lamm auf den Arm und streichelte ein Küken. Als ihm der 1200-Kilogramm-Bulle namens "Mars" vorgestellt wurde, pfiff der Premier sogar anerkennend durch die Zähne.

Alle Jahre wieder im Februar, zur großen Landwirtschaftsmesse in Paris, mischen sich Frankreichs Politiker unters Landvolk. Im Superwahljahr - im Mai wählen die Franzosen einen neuen Präsidenten, im Juni ein neues Parlament -, zählt der Kontakt zu Kuh und Bauer besonders. Denn obwohl nur noch 3,5 % der Franzosen von der Landwirtschaft leben, sind die Bauern eine politische Kraft ersten Ranges: Zehn bis zwölf Prozent der Wähler fallen in ihre politische Einflusssphäre, schätzen Soziologen. Jeder französische Politiker, der es zu etwas bringen will, muss die Bauernstimmen umschmeicheln.

Minutiös wird die Zeit verglichen, die die Spitzenkandidaten auf der Landwirtschaftsschau verbringen. Vier Stunden wanderte Jospin am Montag auf den 134000 Quadratmetern Ausstellungsfläche von Stand zu Stand. Sein Rivale, Präsident Jacques Chirac, hatte es am Tag zuvor auf fünf Stunden und 15 Minuten gebracht. Allerdings gilt der Neogaullist seit seiner Zeit als Landwirtschaftsminister (1972 bis 1974) als ausgesprochener Bauernfreund. 39 % der Landwirte wollen bei der Präsidentenwahl für Chirac stimmen, nur 13 % für Sozialist Jospin.

Nachdem die BSE-Krise überwunden scheint, ist die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) das Sorgenkind Nummer eins der Landwirte. Frankreich ist der größte Nettoempfänger der GAP: 22,5 % der EU-Agrarsubventionen oder 9 Mrd. Euro fließen pro Jahr an französische Bauern. Dass die Hilfen im Zuge der EU-Erweiterung abgebaut werden müssen, wissen auch Frankreichs Politiker - aber das wollen die Bauern nicht hören.

So verspricht Chirac, die Agenda 2000, die die Agrarbeihilfen bis 2006 festschreibt, werde "nicht in Frage gestellt, auch wenn es gewisse Anpassungen geben könnte." Jospin tut ihm den verbalen Spagat nach: "Keine Neuverhandlung auf halbem Wege", aber eine "Evolution" müsse möglich sein. Nach Ansicht von Diplomaten wird Paris nach der Wahl in Sachen Agrarreform kompromissbereit sein. Vorher bleibe das Thema aber tabu.

Misstrauisch lauschte Bauernpräsident Jean-Michel Lemétayer den Kandidaten. Damit die nicht vergessen, dass unzufriedene Bauern gerne mal den Pariser Autobahnring mit Traktorensperren lahmlegen ("Operation Schnecke"), hat sein mächtiger Bauernverband FNSEA für heute eine Demonstration angekündigt. Chirac, Jospin und die anderen 17 Präsidentenkandidaten, die diese Woche allesamt die Bauernschau besuchen, lud er dazu ein.

Am Ende ihres Marathons über den "größten Bauernhof der Welt" setzten die Spitzenkandidaten unterschiedliche Schwerpunkte. Chirac gab sich heimatverbunden. "Schubst mir nicht die Corréziens weg", fuhr der Präsident seine Leibwächter an, um seine Fans aus seiner Heimat Corrèze zu schonen. Jospin will dagegen bei den Kritikern der Agrarlobby Punkte machen. Der Premier stritt mit Bauernführer José Bové über gentechnisch veränderte Lebensmittel und die EU-Agrarpolitik. Im Zwiegespräch mit dem streitbaren Bauernaktivisten trug Jospin den Kuhfleck auf dem Sakko schon fast wie einen Orden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%