"Diplomaten müssen vor allem mit Menschen umgehen können"
Fleißige Zeitungsleser haben gute Aussichten auf Botschaftsposten

An diesem Mittwoch (29. August) schwitzen sie wieder. In fünf deutschen Großstädten nehmen Hunderte von jungen Leuten an einer schriftlichen Prüfung teil, die es in sich hat. Wer viele Antworten kennt, wird zwar nicht Millionär, aber möglicherweise Diplomat im Dienst der Bundesrepublik.

dpa BERLIN. "Wir erwarten rundum gebildete Leute", sagt Botschafter Roland Kliesow, Leiter der Aus- und Fortbildungsstätte des Auswärtigen Amtes. Von speziellen Prüfungstrainern rät er ab. "Wer über Jahre hinweg interessiert Zeitung liest, hat schon mal eine gute Basis", meint er. Die wichtigste Eigenschaft sei ohnehin die Kommunikationsfähigkeit: "Diplomaten müssen vor allem mit Menschen umgehen können."

In den vergangenen Jahren haben sich die Aufgaben der deutschen Botschaften im Ausland gewandelt. Öffentlichkeitsarbeit für deutsche Interessen heißt heute "Public diplomacy" und wird immer wichtiger. In seiner Zeit als Botschafter in Chile hat auch Kliesow am Image seines Heimatlandes feilen müssen. «Nach den Ausschreitungen in Hoyerswerda habe ich in der jüdischen Gemeinde und in der Universität von Santiago Vorträge über Rechtsextremismus in Deutschland gehalten», erinnert er sich.

Die Zahl der Bewerber für den Auswärtigen Dienst hat sich in den vergangenen drei Jahren halbiert und liegt jetzt bei etwa 1 000 pro Jahr. Das Auswärtige Amt sieht einen Grund in den besseren Informationen über das, was künftige Diplomaten erwartet. "Wir haben viel weniger 'Touristen' als früher unter den Bewerbern", sagt Kliesow. Das Auswärtige Amt ist keineswegs nur eine Sammelstelle für Juristen. Auch Mathematiker und Landwirte haben mittlerweile die diplomatische Laufbahn eingeschlagen. "Besonders gefragt sind auch Bewerber, die exotische Sprachen sprechen", betont Kliesow.

Heiko Thoms hat die zweijährige Ausbildung - die mittelfristig auf ein Jahr verkürzt werden soll - vor kurzem beendet. Seit Mai 2001 ist er Rechts- und Konsularreferent in der deutschen Botschaft in Teheran. Erst kürzlich hat er sich um einen allein reisenden Deutschen gekümmert, der ins Koma gefallen war und keine Papiere bei sich hatte. "Wir haben es trotzdem geschafft, die Eltern zu finden und ihn nach Deutschland zu fliegen", berichtet er. "Ohne die Hilfe der Botschaft wäre er vielleicht gestorben."

Wenn er von seiner Ausbildungsgruppe, der "54. Crew", spricht, kommt Heiko Thoms ins Schwärmen. "Es hat sich ein tolles Gemeinschaftsgefühl entwickelt: Das ist ein Netzwerk, das ein Leben lang halten wird." Ausbildungsleiter Kliesow kann das bestätigen: "Es ist ein ganz bestimmter Typ, der sich bei uns bewirbt. Ellenbogenmentalität sucht man vergeblich." In einigen Fällen führte die gegenseitige Sympathie innerhalb der Gruppe sogar bis zum Standesamt. "Das ist überhaupt kein Problem im Auswärtigen Amt", sagt Kliesow. "Es gibt auch Job-Sharing für Diplomaten-Paare."

Von den Bewerbern, die am Mittwoch über den Fragebögen grübeln, werden etwa 120 zu einem mündlichen Auswahlverfahren eingeladen. Etwa 40 von ihnen bilden dann die 56. Crew, die 2002 ihre Ausbildung beginnt. Neben lernintensiven Fächern wie Geschichte, Recht und Sprachen steht auch ein Kurzdurchlauf in Protokollfragen auf dem Stundenplan, sagt Kliesow. "Da geht es dann um solche Fragen: Wie organisiere ich einen Empfang für 500 Gäste? Wo sitzen die Ehrengäste?" Cocktailpartys gehören zwar auch zum Leben eines Diplomaten; bei seiner eigentlichen Arbeit geht es jedoch oft viel hemdsärmeliger zu.

Internet: Auswärtiges Amt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%