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Direkt aus Brasilia: Lula im Gespräch

Zwei Jahre und vier Monate im Amt hat es gedauert, bis Präsident Lula sich jetzt erstmals den Fragen von Journalisten stellte. Ein zwei Stunden langes Frage-Antwort-Spiel zwischen Lula und fünf Journalisten.

Zwei Jahre und vier Monate im Amt hat es gedauert, bis Präsident Lula sich jetzt erstmals den Fragen von Journalisten stellte. Ein zwei Stunden langes Frage-Antwort-Spiel zwischen Lula und fünf Journalisten. Aufgezeichnet wurde es morgens im Regierungssitz in Brasilia und abends vom staatlichen Kultursender übertragen. Inmitten eines grauen, flachen Raumes war ein Teppich ausgebreitet, auf dem Lula vor der brasilianischen Flagge auf einem Stuhl saß. Er trug einen dunklen Anzug, der an einen Regenmantel erinnerte und blickte anfangs ähnlich düster in die Kamera. Das Neonlicht ließ alle Beteiligten seltsam fahl ausschauen. Die Akustik war so schlecht, dass man die Sendung nur mit Mühe verfolgen konnte. Ob das Absicht war, um Lulas Volkstümlichkeit zu betonen? Keine Ahnung.

Was haben wir Neues erfahren über die brasilianische Regierung? Lula streitet vehement alle Korruptionsvorwürfe ab mit dem Hinweis, es gebe keine Beweise dafür. Dabei haben fast alle seine engsten Mitstreiter freiwillig oder unter Druck ihre Ämter niedergelegt. Auch die Geldüberweisungen an Abgeordnete seiner Koalition sind klar belegt. Auffällig war, die Art und Weise, wie Lula zwar behaupet von den schwarzen Kassen im Wahlkampf und systematischen Stimmenkaufen nichts gewusst zu haben. Denn dabei mangelte es ihm an seiner sonst üblichen Vehemenz und Jovialität. Er beendete seine Sätze schnell, wollte sich offensichtlich nicht zu einer unbedachten Äußerung hinreißen lassen und zog deswegen keine Metaphern hervor wie sonst aus dem Fußball ("Das ist wie bei einer Verlängerung im Fußball ...") oder seinem Familienalltag ("Wenn ich meiner Frau das erzähle, dann....") . Er wollte sich offentlich nicht festnageln lassen mit Aussagen, die morgen schon wieder durch neue Aufdeckungen widerlegt sein könnten.

Ansonsten laufe die Wirtschaft ja blendend, die Sozialprogramme würden auch greifen - eigentlich ist der Weg frei für eine zweite Amtszeit, schien er sagen zu wollen. Doch er kokettierte damit, dass er sich noch nicht für eine Kandidatur zu den Wahlen in einem Jahr entschieden habe und sich Zeit für die Entscheidung lassen wolle.

Interessant war zu sehen wie Lula, der heute eine konservative Spar- und Hochzinspolitik fährt, weiterhin stark vom nationalistischen Denken der achtziger Jahre gepägt ist - also der Zeit, als er als Gewerkschafter und später mit der Arbeiterpartei zum wichtigsten Führer der Linken Brasiliens wurde. Das gilt auch für sein Verständis von der Rolle der Medien: Warum er seit Amtsantritt keine Interviews gegeben habe, wollen die Journalisten wissen. "Was wollt Ihr denn?", fragte er ranzig zurück, "ich spreche doch bis zu acht Mal am Tag in der Öffentlichkeit. Ich kann mich manchmal selbst schon nicht mehr hören. In meinen Ansprachen können interessierte Medien doch genügend Material finden." Mehr Kontakt mit der Presse - das sei doch wirklich nicht einzusehen.


Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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