Diskretion in Gefahr
Beratungsunternehmen scheuen Publizitätspflicht der Börse

Berater scheuen die mit einem Börsengang verbundene Publizität wie der Teufel das Weihwasser. Dennoch wagten viele Consulter in den letzten Jahren ein Going Public. Die Welle ebbt jetzt ab.

DÜSSELDORF. Jochen Kienbaum hatte ehrgeizige Pläne. Er werde einen eigenen Stellenmarkt im Internet schaffen, sagte der Gummersbacher Unternehmensberater. Mehr noch: Er wolle dieses Unternehmen an die Börse bringen, so Kienbaum gegenüber dem Handelsblatt. Das war im Januar letzten Jahres. Heute will der Consultant nichts mehr davon wissen. "Wir können uns auch ohne einen Börsengang finanzieren", sagt Kienbaum.

Kein Wunder: Den meisten Anlegern ist der Appetit auf Neuemissionen vergangen. Deswegen musste auch Patrick Pittard, Chef der in Chicago ansässigen Headhuntingfirma Heidrick & Struggles, den geplanten Börsengang seiner Internet-Recruiting-Tochter Leaders Online abblasen. Es wäre das zweite Going Public für die Firma gewesen. Heidrick & Struggles ist bereits seit 1999 an der Nasdaq notiert.

Warum müssen Berater überhaupt Aktien ausgeben? Ein Büro, ein Schreibtisch, ein Telefon, recht viel mehr war lange Zeit nicht für dieses Geschäft vonnöten. Der Kapitalbedarf hierfür hielt sich in Grenzen, selbst wenn ein Consultingunternehmen ins Ausland expandierte. Außerdem scheuen die meisten Firmen die mit einem Börsengang verbundene Pflicht zur Publizierung wichtiger Geschäftsdaten wie der Teufel das Weihwasser.

Diskretion steht bei Börsengang auf dem Spiel

Boston Consulting etwa änderte deswegen in Deutschland vor einigen Jahren seine Rechtsform. Auch Joseph Griesedieck, bis vor kurzem noch Chef der Headhuntingfirma Spencer Stuart, schloss einen Börsengang kategorisch aus. Allein die Nennung von Kundennamen sei schon eine Zumutung, so der Consultant. Über 40 Jahre habe Spencer Stuart sorgfältig Beziehungen zu Klienten aufgebaut und eine diskrete Firmenkultur etabliert. Dies alles stünde bei einem Börsengang auf dem Spiel.

Fest steht: Die meisten Berater, die ein Going Public wagten, taten diesen Schritt eher widerwillig. Es waren die Auswirkungen der Computertechnik und des Internets, die sie an die Börse trieben. Und es war die Angst vor der Konkurrenz, die sich der Technik bedient oder an ihr verdient, etwa vor dem finanzstarken New Yorker Konzern TMP Worldwide.

TMP verlegte ursprünglich Telefonbücher und betrieb Anzeigenmarketing. Der Konzern veröffentlichte die zahlreichen Stellenanzeigen seiner Kunden nicht nur in traditionellen Medien, sondern schuf ein elektronisches "Job Board", taufte es der Größe wegen auf den Namen "Monster" und ging damit online. Marktforscher wie Forrester Research sagten diesem Geschäft eine große Zukunft voraus.

Vorsicht scheint angebracht

Da wollten Personalberater wie Korn Ferry International oder Heidrick & Struggles nicht tatenlos zusehen. Um die gewaltigen Investitionen in Marketing, Personal, Hard- und Software zu finanzieren, mussten sie an die Börse gehen.

Technologie und Beratung rücken immer enger zusammen. Consultingfirmen wie Accenture werden deswegen von Konzernen wie dem Computerriesen IBM genauso unter Druck gesetzt wie von bereits an der Börse notierten Rivalen, etwa die Computer Science Corporation, kurz CSC, oder Electronic Data Systems, EDS.

Dennoch wunderten sich viele Beobachter, als Joe Forehand, Chef der Technologieberatungsfirma Accenture, Mitte April bekannt gab, den Schritt an die Börse zu wagen. Einen genauen Termin dafür wollte Forehand jedoch nicht nennen. Außerdem sagte er, er wolle lediglich "einen relativ kleinen Teil" des Unternehmens auf den Markt bringen. Die Vorsicht scheint durchaus angebracht. Das zeigt der Blick auf den Rivalen KPMG Consulting, Tochter des Wirtschaftsprüfungsriesen KPMG LLP.

Answer-Think machte es KPMG vor

Bereits 1997 plädierte Ted Fernandez, bei KPMG damals als Managing Partner verantwortlich für die Strategieberatung, für einen Börsengang. Die konservativen Wirtschaftsprüfer aber verwarfen Fernandez? Idee. Der verließ daraufhin das Unternehmen - zusammen mit drei weiteren, hochrangigen Partnern. Das Quartett gründete die Beratungsfirma Answer-Think und brachte sie im Mai 1998 erfolgreich an die Börse. Über ein Dutzend weiterer KPMG-Partner wanderte im Laufe der Zeit zu Answer-Think ab. 1998 trennte sich KPMG von einem Teil seines Geschäfts: Die Vergütungsberatung übernahm der Human-Resources-Spezialist Watson Wyatt, der im letzten Jahr erfolgreich an die Börse ging. Auch KPMG steuerte in Richtung Nasdaq.

Im vergangenen Februar, nach schier endlosen Verhandlungen mit der US-Börsenaufsicht SEC, war es dann endlich so weit. Doch keiner war zufrieden. "Ist das nun Furchtlosigkeit, Starrköpfigkeit oder der Druck der Börsenaufsicht?", fragte Beverly Goodman vom US-Technologiemagazin Red Herring. Ein denkbar schlechtes Timing für einen Börsengang, raunten die Analysten. Alle Fakten sprachen gegen diesen Schritt. Die Mitarbeiterfluktuation bei KPMG Consulting hatte Ende 2000 fast 27 Prozent betragen und der nordamerikanische Technologie-Beratungsmarkt, auf dem die Firma einen Großteil ihrer Umsätze erzielt, zeigte deutliche Zeichen einer Abkühlung.

"Käufer, sieh dich vor", warnte Goodman. Grund: Ein großer Teil des Emissionserlöses sollte laut Börsenprospekt für einen Rückkauf von Anteilen des Internetausrüsters Cisco Systems verwendet werden. Das Technologieunternehmen hatte 1999 eine Milliarde US-Dollar in KPMG investiert. KPMG Consulting sei zum damaligen Zeitpunkt noch weitaus mehr wert gewesen als jetzt, kurz vor dem Börsengang, so Goodman. Es habe deswegen den Anschein, als diene der Schritt vor allem dazu, Cisco einen Teil von dem wiederzugeben, was es in KPMG gesteckt habe.

Kapitalmärkte machen Druck

Dennoch geriet die Emission nicht zum Flop. Das KPMG-Papier wurde zu 18 Dollar ausgegeben und stieg am ersten Tag um fast ein Drittel auf 23,48 Dollar. Anfang März stürzte der Kurs jedoch ab. Im April fiel er auf die Marke von 10,75 Dollar. Ende April sah sich Randolph Blazer, Chef von KPMG Consulting, gezwungen, Entlassungen anzukündigen: In den USA und Kanada sollen bis zu 550 Mitarbeiter gehen. Die Börsianer reagierten prompt und trieben den Kurs der Aktie um fast 20 Prozent nach oben.

Die Chefs börsennotierter Beratungsfirmen stehen ebenso wie Topmanager von Industriekonzernen unter dem Druck der Kapitalmärkte. "Sie werden in eine Rolle gedrängt, die sie vom Treiber zum Getriebenen werden lässt", so kürzlich Dieter Heuskel, Leiter des deutschen Management Teams von Boston Consulting. Der Mann weiß genau, warum seine Firma nicht an die Börse geht.

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