Diskriminierung von Behinderten: Allein auf weiter Flur

Diskriminierung von Behinderten
Allein auf weiter Flur

2007 hat die EU-Kommission zum Jahr der Chancengleichheit erklärt und die Gleichstellung von Behinderten und Nichtbehinderten propagiert. Doch für die Chancengleichheit im eigenen Haus tut die Kommission herzlich wenig. Über die Doppelmoral in Brüssel.

BRÜSSEL. Wenn Rüdiger Leidner morgens die Eingangshalle seines Bürogebäudes betritt, hören die Rezeptionisten zuerst ein regelmäßiges Klacken von Metall auf dem blitzblanken Steinboden. Das kommt von Leidners Blindenstock, der dem EU-Beamten hilft, den Weg zu den Aufzügen zu finden. Jeden Morgen ist dieser Gang für den Deutschen eine Suche auf gut Glück: "Die Halle ist sehr groß, und ich habe keinerlei Orientierungshilfe", sagt der 56-Jährige. "Erst wenn ich die Leitstreifen gefunden habe, kenne ich meinen Weg."

Leitstreifen, das sind kleine Erhebungen im Boden, die der Beamte mit seinem Blindenstock ertasten kann. Sie führen bis zum Aufzug. Allerdings fangen sie erst so weit von der Eingangstür entfernt an, dass Leidner oft länger nach ihnen suchen muss. Und das ist nicht das einzige Problem, mit dem der Deutsche bei den EU-Institutionen kämpfen muss. Zwar hat die EU-Kommission 2007 zum Jahr der Chancengleichheit erklärt und die Gleichstellung von Behinderten und Nichtbehinderten propagiert - doch im eigenen Haus wird diese Politik nicht befriedigend umgesetzt.

Ein Prozent der Mitarbeiter der Kommission hat eine Behinderung. Damit liegt die Behörde weit unter EU-Durchschnitt. Und viele EU-Gebäude sind nicht behindertengerecht ausgestattet. "Wir haben noch viel zu tun", sagt Emmanuelle Grange, die dafür zuständig ist, innerhalb der Kommission für Chancengleichheit zu sorgen. "Uns fehlt das Geld, aber das größte Problem sind die Beamten selbst. Ihnen fehlt oft das Verständnis für ihre behinderten Kollegen."

Rüdiger Leidner kann davon ein Lied singen. Seit knapp vier Jahren ist er in Brüssel - als Experte in der Tourismusabteilung der EU-Kommission. Vorher hat er im Wirtschaftsministerium in Berlin gearbeitet, und auch dort wurde er wegen seiner Behinderung benachteiligt: "Ich habe oft unbegründete Absagen auf Bewerbungen bekommen. Vorgesetzte schieben andere Gründe vor, aber letztendlich liegt es an der Behinderung", erzählt der Beamte. So werde er in Vorstellungsgesprächen regelmäßig gefragt, ob er eigentlich E-Mails lesen oder Dienstreisen machen könne. "Mit den entsprechenden Hilfsmitteln ist das gar kein Problem", sagt Leidner. "Aber die meisten wollen das gar nicht wissen."

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