Diskussion
Das neue Europa schafft neue Grenzen

Schriftsteller setzen sich kritisch mit der Osterweiterung auseinander

Durch die Osterweiterung der Europäischen Union fallen nicht nur Barrieren, es entstehen auch welche. Polens Grenze zur Ukraine und zu Weißrussland stellt die neue Außengrenze der EU dar. Abgeschnitten werden so Landstriche, die vor dem zweiten Weltkrieg zum polnischen Staatsterritorium gehörten, zum Beispiel das östliche Galizien. Betroffen sind kleine Völker wie die slawischen Ruthenen, die in den drei genannten Ländern leben, und die nach 1989 die Freiheit des kleinen Grenzverkehrs zu schätzen lernten. Brauchen sie nun ein Visum, um am Heimatabend nebenan teilzunehmen? Und was wird aus den vielen Roma, die in der Slowakei leben? Werden sie in den wohlhabenden Hauptstädten des Westens so willkommen sein wie die slowakischen Erze?

Wer "Die Hundeesser von Svinia" gelesen hat, den neuen Reisebericht des Österreichers Karl-Markus Gauß, wird daran zweifeln. Gauß, Jahrgang 1954, hat sie bereist, die Slums vor dem Balkan, die dem westlichen Menschen als das Ende der Welt erscheinen. Hunderte Roma leben hier zusammen, eingepfercht in Neubauten oder in verfallenden Hütten. In einer Siedlung war der Gestank so überwältigend, dass Gauß, dem man Zimperlichkeit unterwegs nicht nachsagen darf, einer Ohnmacht nahe war. Der Autor, Kritiker und Essayist genießt den Ruf der unbestechlichen Differenziertheit, wenn er sich, was er seit Jahren tut, für die kleinen und vertriebenen Volksgruppen des Ostens einsetzt. Im Schlamm stehend, stellt Gauß dann auch die Gretchenfrage: Würden wir, die kulturell offenen Westler, es wirklich akzeptieren, wenn die Hälfte unserer Straße zur Müllkippe verkommt, so wie es in einigen Dörfern der slowakischen Landschaft Zips der Fall ist? Das Schlüsselwort heißt Toleranz, und die Antwort ist Nein.

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