Diskussion
Gegen den Mainstream deutscher Reformitis

Für Albrecht Müller, einst Planungschef unter Willy Brandt, ist Globalisierung ein altbekanntes Phänomen

Spätestens seit der Wiedervereinigung gehört zum Common Sense, dass die deutsche Wirtschaft vor ganz neuen Herausforderungen steht. Die Globalisierung der Märkte und die Überalterung der Gesellschaft erzwängen einen radikalen Umbau des Sozialstaats, wenn Deutschland weiter in der ersten Liga der Weltwirtschaft mitspielen wolle, postulierte erst diese Woche erneut Bundeskanzler Gerhard Schröder im ARD-Interview.

In seinem Buch "Die Reformlüge" wagt Albrecht Müller (66), heute Unternehmensberater, aber immer noch in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat, die Gegenthese. Die Globalisierung ist nach Ansicht des Diplom-Volkswirts alles andere als neu. Müller war Leiter der Planungsabteilung des Kanzleramtes unter Willy Brandt und Helmut Schmidt. In seinem Buch steigt er tief ein in das Geflecht internationaler Wirtschaftsbeziehungen. Dieses Geflecht sei immer engmaschiger geworden, doch ohne dass daraus eine neue Qualität der Globalisierung oder gar eine generelle Bedrohung erwachsen wäre.

Nüchtern und im Großen und Ganzen auch für den ökonomischen Laien nachvollziehbar, versucht er, die Drohkulisse einer vergreisenden Gesellschaft und einer schwindenden Wettbewerbsfähigkeit zu entzaubern. Vierzig solcher "Denkfehler, Mythen und Legenden" hat er ausgemacht und beschert vor allem dem mit den gängigen neoliberalen Theorien vertrauten Leser so manches Aha-Erlebnis.

Genauso spannend ist Albrechts Buch in den Passagen, in denen er die typisch deutsche Reformhysterie anprangert. Reformen funktionieren hier zu Lande nach dem Schema: Ein Problem wird ausgemacht, und ihm folgt dann umgehend ein Gesetz, dass es vorgeblich löst. Ob es auch wirkt, spielt dann im öffentlichen Meinungspoker meist keine Rolle mehr.

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