Diskussion spaltet die Branche
SAP kämpft gegen Image der Massenware

Ein Wort benutzt SAP-Chef Henning Kagermann in diesen Tagen besonders gerne: Innovation. "SAP ist ein Innovator mit einer hohen Verlässlichkeit", wirbt der Vorstandsvorsitzende des Softwarekonzerns auf der Kundenmesse Sapphire in Orlando (Florida) wieder und wieder für sein eigenes Haus, und ergänzt: "Nur Innovationen schaffen Wachstum".

ORLANDO. Der beharrliche Hinweis auf die Fähigkeit des Unternehmens, neue Technologietrends setzen zu können, hat seinen Grund: Immer häufiger fragen sich Branchenexperten, wann und ob ein neuer Technologieschub kommen wird, der der Softwarebranche wieder Auftrieb geben könnte. "IT spielt keine Rolle mehr" formuliert entsprechend der jüngste Harvard Business Report. Er kommt zu dem Schluss, dass Informationstechnologie zu einer Commodity wird - also zu einem Massenprodukt, das keinen Wettbewerbsvorteil mehr bringt. "Vieles, wie etwa die Personal- und Finanzbuchhaltungs-Software ist Commodity", bestätigt Nils Niehörster vom Marktforscher Raad Consult.

Die Diskussion spaltet die Branche. Oracle-Chef Larry Ellison ist überzeugt, dass die Softwareindustrie erwachsen geworden ist und auf ein geringeres Wachstum zuläuft - und zieht entsprechende Konsequenzen: Die feindliche Übernahme des Wettbewerbers Peoplesoft soll neue Kunden und damit Wachstum bringen. SAP-Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner hält dagegen. "Wir sind weit davon entfernt, eine Commodity zu werden", antwortet er in Orlando den Kunden. Software sei die Industrie, die dem menschlichen Verstand am nächsten komme, und der sei ja bekanntlich ohne Grenzen, argumentiert er philosophisch.

Die Diskussion kommt für die Branche zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Nachfrage liegt am Boden und immer mehr Analysten fragen sich, ob die zweistelligen Wachstumsraten früherer Tage je wieder erreicht werden können. Kein Wunder also, dass die SAP-Oberen abwiegeln. "Innovation muss nicht immer ein großer Schritt sein. Sie kann auch bedeuten, den Unternehmen mit kleineren Entwicklungen dabei zu helfen, einen großen Kosten- und Wettbewerbsvorteil zu erreichen", sagt SAP-Chef Kagermann im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Ein wenig Unterstützung erhält der SAP-Chef von den Marktforschern von Forrester Research. "Zwar sind einige Programme Commodity, viele bieten den Kunden aber weiterhin die Möglichkeit, Wettbewerbsvorteile zu entwickeln", sagt George F. Colony, Chef von Forrester Research. Das trifft auch auf das SAP-Produktangebot zu: "Auch bei SAP gibt es Anwendungen, die keine Commodity sind", sagt Niehörster von Raad. Doch ob die ausreichend sind, um wieder an frühere Wachstumsraten heranzukommen - die Frage mag heute kein Experte beantworten.

Shai Agassi, der vor einigen Monaten im Vorstand den Technologiebereich von Hasso Plattner übernommen hat, geht deshalb in die Offensive. "Es gibt keine andere Branche, die so schnell so viele Innovationen auf den Markt bringt", sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt und verweist auf die neue RFID-Technologie. RFID sind kleine, an Waren angebrachte Chips, die automatisch Informationen etwa an die Logistik oder die Buchhaltung weitergeben. Mit ihrer Hilfe könnten zum Beispiel die Kosten in der Logistik deutlich reduziert werden.

Die Analysten bleiben vorsichtig: "Das ist eine Vision. Doch die Technologie wird vielleicht in fünf Jahren fliegen. Was wir hier in Orlando im Future-Store gesehen haben, ist noch nicht berauschend", sagt Niehörster. Das weiß auch SAP-Chef Kagermann. "Ob RFID für ein zweistelliges Wachstum reicht? Natürlich nicht. Aber es ist ja auch nur ein Beispiel."

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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