Diskussion über Wurzeln der Gewalt
Der Tag nach dem Erfurter Amoklauf

Begleitet von einer intensiven Suche nach dem Motiv für den Amoklauf von Erfurt hat eine breite Diskussion über die Folgen des in Deutschland beispiellosen Verbrechens begonnen. Über den Ablauf des Massakers wurden neue, erschütternde Details bekannt.

dpa ERFURT. Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel sagte, der 19-jährige Täter sei ein ausgebildeter Schütze gewesen. "Er tötete viele seiner Opfer durch Kopfschüsse." Ein Komplize galt als unwahrscheinlich, wurde aber weiter nicht ausgeschlossen. Die Polizei korrigierte die Zahl der Toten auf 17. Die zehn Verletzten waren am Samstag außer Lebensgefahr. Der Opfer soll am 3. Mai im Beisein von Bundespräsident Johannes Rau in einer Trauerfeier in Erfurt gedacht werden.

Der Täter war Mitglied im Polizeisportverein und einem Erfurter Schützenverein. Er besaß seine Waffen legal. Nach bisherigen Ermittlungen sind aus der gefundenen Pumpgun keine Schüsse abgegeben worden, aus der Pistole dagegen über 40 Schüsse. In der Toilette der Schule und der Wohnung des Täters wurden weitere erhebliche Mengen Munition sichergestellt, insgesamt 1200 Schuss. Die Ermittlungen werden voraussichtlich bis Montag dauern.

Lehrer verhinderte weitere Morde

Ein Polizeisprecher bestätigte, dass ein mutiger Lehrer am Freitag den Amoklauf beendet hatte. Der Mann habe den Täter während des Kugelhagels angesprochen und in dem Zimmer einschließen können, in dem der Jugendliche sich später erschoss. Außer dem Täter, einem Polizisten und zwei Schülern starben 13 Lehrer (nicht, wie am Vortag angegeben, 14), das ist ein Viertel des Kollegiums. Bei den zwei toten Schülern handelt es sich um ein 14-jähriges Mädchen und einen 15-jährigen Jungen. Noch ist nicht klar, wann und wie der Unterricht an der Schule wieder aufgenommen wird.

Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin forderte eine Aufarbeitung der gesellschaftlichen Ursachen. Man müsse sich fragen, wie ein Mensch so verzweifelt und isoliert sein könne, sagte sie in Karlsruhe. Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber forderte in München die Medien zu mehr Zurückhaltung bei der Darstellung von Gewalt auf. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft rief für kommenden Montag die rund 40 000 Schulen in Deutschland zu einem "Tag der Besinnung" auf. Der Deutsche Schützenbund sagte das Bundeskönigs-Schießen des 51. Deutschen Schützentages in Suhl ab.

Der 19-Jährige wurde vor einigen Monaten vermutlich wegen Urkundenfälschung der Schule verwiesen, darunter waren gefälschte Atteste. Mitschüler und Bekannte beschrieben den Täter als ruhig, intelligent, kontaktfreudig und beliebt. Er habe aber große Schwierigkeiten mit den Zwängen des Schulalltags gehabt und fiel vor einem Jahr durch die Abitur-Prüfung. Eine Mitschülerin: "Er wollte immer auffallen und ist dabei bei den Lehrern angeeckt."

Erfurt nach der Tat

Bis weit nach Mitternacht brachten erschütterte Menschen Blumen und Kerzen zum Eingang des Gymnasiums. Im Lauf der Nacht wurden alle Leichen aus dem Schulgebäude in die Gerichtsmedizin gebracht. Auch am Samstagvormittag hielten immer wieder Autofahrer, um Blumen niederzulegen. Hunderte trugen sich in das Kondolenzbuch der Stadt ein. Wie schon am Abend zuvor bildeten sich lange Schlangen vor dem Rathaus.

In einem dpa-Gespräch sagte der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter (Gießen), ein Amoklauf wie in Erfurt sei nur äußerst schwer zu verhindern. "Es muss sich eine ungeheuere Rachewut und Fantasie des mörderischen Verbrechens angesammelt haben, in Verbindung mit der Vorstellung, dass alle Welt über ihn sprechen würde." Seine Tat habe der Mann sicherlich sehr sorgfältig geplant. Die Trauma-Therapeutin Gabriele Kluwe-Schlemberger sagte in einem dpa-Gespräch, es dauere mindestens ein halbes Jahr, bis die Opfer das erlittene Trauma verarbeitet hätten. "Die Kinder haben Todesangst durchgemacht."

Reaktionen

Niedersachsens Justizminister Christian Pfeiffer sagte im DeutschlandRadio Berlin, trotz des Amoklaufs seien Schulen weniger als früher ein Ort für Gewaltexzesse. "Was hier in Thüringen passiert ist, darf uns nicht zu dem Fehlschluss verleiten, in Schulen ist die Gewalt am Überborden", sagte Pfeiffer. Nach Ansicht des Erziehungswissenschaftlers Peter Struck (Universität Hamburg) müssen speziell ausgebildete Klassenlehrer den Eltern bei der Erziehung helfen. Wenn immer nur aus aktuellem Anlass über Gewalt gesprochen werde und man dann zum Alltag zurückkehre, werde nichts besser.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner kritisierte im Fernsehsender Phoenix, dass den jungen Menschen immer weniger Werte vermittelt würden. "Alles, was die Menschen früher getragen hat - sei es Familie oder aber Nachbarschaft und Verwandte - entschwindet immer mehr", sagte Meisner. "Nach einer solch schrecklichen Tat stellt man sich die Frage, warum der Täter offenbar niemanden hatte, dem er sich offenbaren konnte."

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