Diskussion um Aids-Medikamente
Pharmaindustrie in der Defensive

Der Streit um Aids-Medikamente in Südafrika birgt Zündstoff für die Pharmabranche. Die Hauptgefahr besteht darin, dass die Diskussion um Preise und Patente auf die hochprofitablen Heimatmärkte übergreift.

FRANKFURT/M. Im fernen Südafrika führen die großen Pharmahersteller derzeit eines ihrer schwierigsten Gefechte. In der kommenden Woche wird das Verfahren um eine Gesetz der südafrikanischen Regierung, das den Import preiswerter Nachahmer-Medikamente (Generika) erleichtern soll, fortgeführt. Dabei geht es für die Branche indirekt um weitaus mehr als nur die Spielregeln für den südafrikanischen Markt.

Unter dem Druck der öffentlichen Diskussion und der Kritik von Seiten westlicher Politiker haben mehrere Hersteller von Aids-Medikamenten ihre Preise in den vergangenen Wochen weiter gesenkt. Bereits im vergangenen Mai offerierten sie im Rahmen einer Initiative der UN-Organisation UNAIDS deutliche Preisermäßigungen. Die Medikamente werden Südafrika und einer ganzen Reihe weiterer Staaten inzwischen rund 90 % günstiger angeboten als inEuropa oder Nordamerika. Der US-Konzern Merck & Co spricht inzwischen von Preisen auf Selbstkostenniveau, Bristol-Myers Squibb sogar von nicht mehr kostendeckenden Preisen.

Wirtschaftlich gesehen haben die betroffenen Pharmaunternehmen in Südafrika also nichts mehr zu verlieren. Und mit weniger als 1 % Weltmarktanteil spielt das Land im globalen Pharmageschäft ohnehin nur eine ganz untergeordnete Rolle. Dennoch denken die Unternehmen bisher nicht an einen Rückzug ihrer Klage. Ihre Kritik richtet sich vor allem dagegen, dass die bereits 1997 verabschiedete Gesetzesänderung weit über das hinausgeht, was die Ausnahmeregelungen der Welthandelsorganisation im Rahmen des Patentabkommen TRIPS vorsehen. Defakto ermögliche sie es, mit einem ministeriellen Erlass den Patentschutz für alle Medikamente in Südafrika aufzuheben, warnt der Weltverband der Pharmaindustrie IFPMA.

Die entscheidende Gefahr droht der Industrie daraus, dass zum einen die südafrikanische Praxis in anderen Ländern Schule machen könnte. Und noch bedrohlicher wäre es, sollte die Diskussion Patente und Arzneimittelpreise auf die hochprofitablen Heimatmärkte übergreifen. Wenn man die afrikanischen Länder mit 90 % Preisnachlass beliefern kann, muss das nicht auch für die ärmeren Menschen im Westen möglich sein? Und wenn das für Aids-Medikamente gilt, warum nicht auch bei anderen Arzneimitteln?

Angesichts ihrer hohen Ertragskraft ist die Pharmabranche traditionell anfällig für entsprechende Begehrlichkeiten der Gesundheitspolitiker und Krankenkassen. Bei vielen Medikamenten betragen die reinen Herstellkosten weniger als ein Zehntel des Verkaufspreises. Die operativen Umsatzrenditen bei den großen international tätigen Pharmakonzernen bewegen sich zwischen 15 % und mehr als 30 % vor Steuern.

Pharmamanager verteidigen solche Relationen meist mit dem Hinweis auf die enormen "Investitionen" in die Forschung - wohl wissend, dass diese Argumentation nur in einem indirekten Sinne wirklich Berechtigung hat. Denn in aller Regel werden Ausgaben für Forschung und Entwicklung voll über die laufende Ertragsrechnung verarbeitet. Wenn also ein Unternehmen wie GlaxoSmithkline für das vergangene Jahr bei rund 27 Mrd. Dollar Umsatz gut 8 Mrd. Dollar operativen Gewinn verbuchte, sind darin bereits sämtliche F+E-Aufwendungen verkraftet. Glaxo könnte theoretisch seine Forschungsausgaben mehr als verdoppeln oder seine Preise um fast ein Drittel senken, ohne in die Verlustzone zu geraten.

Dennoch wäre es industriepolitisch wohl fatal, sollte die Aids-Problematik in Afrika am Ende auch in den Industriestaaten auf stärkere Preisregulierungen oder eine Aushöhlung des Patentschutzes für Medikamente hinauslaufen. Denn gerade die hohen Gewinne im Pharmageschäft sind indirekt die entscheidende Kraft hinter dem starken Ausbau der privaten Pharmaforschung in den vergangenen Jahren.

Die großen Pharmahersteller haben ihre F+E-Ausgaben im Laufe der 90er Jahre auf gut 40 Mrd. $ verdreifacht und verwenden inzwischen annähernd ein Fünftel ihrer Erlöse für die Forschung und Entwicklung. Weitere mehr als 10 Mrd. Dollar bringen die zahlreichen jungen Biotech-Unternehmen für die Suche nach neuen Medikamenten auf. Ohne die Chance, im Erfolgsfall hohe Gewinne erzielen zu können, sind sich fast alle Vertreter der Branche einig, würde die private Biotech- und Pharmaforschung rapide austrocknen. Als klares Indiz für diesen Zusammenhang gilt nicht zuletzt die starke Stellung der US-Industrie bei Pharmainnovationen. Amerikanische Gesundheitsorganisationen haben dies in vergangenen beiden Jahren vor allem dadurch gefördert, dass sie einerseits große Preisfreiheit bei Neuentwicklungen gewährten, andererseits bei patentfreien Medikamenten den Preiswettbewerb stark förderten. Länder, wo entsprechende Anreiz-Systeme fehlten, sind dagegen in der Pharmaforschung völlig abgeschlagen.

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