Diskussion um Objektivität der Analysten
Skandal um Interessenkonflikte bei US-Banken

Die Untersuchungen in den USA über angeblich irreführende Analystenberichte von Investmentbanken schlägt weiter Wellen: Jetzt schauen auch Aufsichtsämter in Europa und Asien genauer hin, ob Interessenkonflikte zwischen den Aktienanalysten der Banken und den Investmentabteilungen bestehen.

LONDON. In Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Japan und anderen Ländern haben die Behörden bestehende Regeln verschärft oder sie planen neue Bestimmungen.

Einige Finanzinstitute - darunter HSBC Holdings, Deutsche Bank AG und BNP Paribas - versuchen, den Aufsehern zuvorzukommen. So haben sie ihr System für Aktienempfehlungen geändert und die Trennung von Analyse- und Investmentabteilung verstärkt.

Damit reagierten sie auf Vorwürfe aus den USA. Dort haben Aktienanalysten angeblich Investoren irregeführt mit zu optimistischen Berichten über Firmen, von denen sie lukrative Aufträge erhalten hatten. Vorgestern verpflichtete sich die US-Bank Merrill Lynch in einem Vergleich, 100 Mill. $ zu zahlen, um mehrere Verfahren wegen Unregelmäßigkeiten zu beenden.

Es gibt Stimmen in Europa, die drastische Maßnahmen fordern. "Die Interessenkonflikte sind Realität, und das Potenzial für Probleme ist definitiv immer noch vorhanden", sagt Henri Servaes, Finanzprofessor an der London Business School. Er warnt, dass Kleinanleger abgeschreckt werden könnten, wenn die Regulierer untätig bleiben.

In der Kritik steht zum Beispiel die weit verbreitete Praxis, dass Analysten auch für die Investmentabteilungen ihrer Banken arbeiten. Sie treten etwa bei Bewerbungen um Börsengang-Mandate auf. Die Banken versichern, Analysten würden nur eingeladen, um dem potenziellen Kunden die Research-Kompetenz des Instituts zu demonstrieren. Doch die Grenzen sind verschwommen. Beispiel: Die Bewerbung von Credit Suisse First Boston (CSFB) um die Konsortialführung beim Börsengang des heute bankrotten Internethändlers Boo.com im Jahr 1999. In den Bewerbungsunterlagen versprach CSFB, ihre Londoner Analysten würden die "stärksten Fürsprecher" für Boo.com sein. Eine Sprecherin von CSFB sagte, die Schweizer Bank habe im vergangenen Jahr Regeln eingeführt, die es verbieten, bei der Bewerbung um ein Investment-Geschäft spezielle Research-Empfehlungen zuzusichern.

Boni abhängig von Aufträgen

Eines wird sich wohl nicht ändern - wie Investmankbanken ihre Analysten bezahlen. Weiterhin dürfte ihre Bezüge aus einem großen Topf kommen, in den auch Erträge aus dem Investmentbanking einfließen. Die Analysten-Boni sind somit abhängig davon, ob sie selbst lukrative Aufträge für Börsengänge und ähnliche Geschäfte an Land ziehen. Guy Ashton, Chef der Research-Abteilung bei HSBC Securities, sagt, es sei schwer - wenn nicht gar unmöglich - diese finanziellen Verbindungen zu kappen. Nur so ließen sich teure Analyseabteilungen finanzieren.

In Europa sind sich die Aufseher einig, dass etwas getan werden muss, um Interessenkonflikte zu regeln. Strittig ist aber, wie weit man gehen sollte. Fabrice Demarigny, Generalsekretär des Kommittees der Europäischen Wertpapieraufsichtsbehörden, sagt, die europäischen Ämter seien "nicht demselben Druck ausgesetzt" wie ihre US-Kollegen. In Großbritannien hofft man auf die Selbstregulierung des Marktes. "Regulierung ist nur ein Teil der Antwort", sagt Ruth Kelly vom britischen Finanzministerium. "Marktkräfte, die sich durch einen tatsächlichen oder vermuteten Verlust an Ansehen ausdrücken, haben bereits zu Änderungen der üblichen Praxis geführt, um die Kunden zufrieden zu stellen."

In Asien verfolgen Aufsichtsämter die Diskussion, sehen aber vorerst keinen Handlungsbedarf. "In den USA setzt normalerweise zuerst ein Verband die Regeln, dann bewegt sich auch die SEC", sagt Iichiro Yoshino vom japanischen Finanzministerium. "In Japan ist es genau umgekehrt: Die Regierung agiert zuerst, die Industrie reagiert auf der Basis unserer Vorgaben." Seiner Ansicht nach trägt die SEC die Schuld an den US-Skandalen.

Quelle: Wall Street Journal/Handelsblatt

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