Diskussionen über Liquiditätslage
Amazon.com: Von Hyper-Fantasien und wilden Gerüchten

Über die Lage des Internet-Einzelhändlers Amazon.com aus Seattle ist in den vergangenen zwei Tagen viel spekuliert woden. Vorläufiger Höhepunkt war das sei Mittwoch kursierende Gerücht, Amazon.com werde Gläubigerschutz nach dem so genannten Chapter 11 beantragen.

vwd NEW YORK. Bei einem Treffen von Analysten in New York am Mittwochabend wiegelte Henry Blodget, Star-Analyst von Merrill Lynch, bereits ab und erklärte, die Situation bei Amazon.com sei nicht so schlecht wie von einigen beschrieben. Der Markt reagierte am Donnerstag verunsichert. Die Aktie eröffnete an der Nasdaq mit einem Minus von 3,6 % auf 9,84 US $. Vor knapp einem Jahr, im März 2000, hatten Amazon.com noch auf Jahreshoch bei 75,25 US $ notiert. Stürzt die Ikone des E-Commerce? Und mit ihr gleich eine ganze Geschäftsidee?

Amazon.com ist für viele Beobachter nicht nur irgendein Online-Einzelhändler, sondern mit Yahoo! und eBay eines der Unternehmen, an dem sich zeigen wird, ob E-Commerce überhaupt längerfristig erfolgreich betrieben werden kann. Ist also die mögliche Krankheit des von Jeff Bezos gegründeten Online-Händlers eine Seuche aller Dot.com-Unternehmen? Würde sich ein Liquiditätsengpass oder gar Konkurs trotz aller gegenteiligen Versicherungen von Amazon.com-Sprecherin Patricia Smith am Vortag bewahrheiten, wird es wohl so kommen, dass die Börsianer alle Aktien mit der Endung ".com" abstrafen werden. Gerechtfertigt wäre dies aber nicht. Wenn es eine Krankheit von Amazon.com gibt, dann ist sie im eigenen Stall ausgebrochen - ihr Name: "get big fast" - "schnell groß werden" ist Bezos Maxime und Unternehmensstrategie.

Das Unternehmen würde bei den Fundamentaldaten deutlich besser dastehen, wenn es nicht in den Bereich Konsumgüter expandiert hätte. Jetzt ist aus dem virtuellen Buchladen ein Bauchladen für alles geworden, was sich in kleinen Päckchen nach Hause schicken lässt. Am Ende dieses Jahres, so Bezos, soll der Betriebsgewinn positiv sein, wie der Chief Executive Officer im Januar nach den schlechten 2000er-Zahlen zur Besänftigung der Anleger versprochen hat. Betriebsgewinn wohlgemerkt, von schwarzen Zahlen beim Nettogewinn keine Rede, denn die Investitionen für die Expansion und die Kredite belasten das US-Unternehmen weiterhin.

Das aufkommende Gerücht zeigt, dass viele Anleger und Analysten nervös werden. Amazon.com hat im Kerngeschäft, dem Buchhandel, bewiesen, dass Einzelhandel im Internet profitabel sein kann. Gleichzeitig verdeckt Bezos' permanente Expansion, die für immenses Umsatzwachstum sorgt, einen Makel der New Economy - wie anders ist die "Neue" und die "Alte" Wirtschaft wirklich? So nörgelte die britische Wirtschaftszeitung "The Economist" im Februar, die Margen mögen bei Amazon.com besser sein als bei Wal-Mart, aber was ist Amazon.com anderes als "der Beste unter den Einzelhändlern". Das ist eine Entzauberung. Amazon.com ein ordinärer Einzelhändler?

Das hat wenig New-Economy-Charme. Ein Einzelhändler wie Wal-Mart hat eine Börsenkapitalisierung, die dem zwanzigfachen der zukünftigen Gewinne entspricht. Bei Amazon.com lag dieser Wert teilweise über 100-fach. Die Hyper-Fantasie ist aus der E-Commerce-Aktie Amazon.com entwichen, doch was bleibt ist ein Unternehmen, das es seiner Gründung im Juli 1995 geschafft hat, einen Markennamen zu etablieren, der bekannter ist als Wal-Mart und Home Depot zusammen. Ein fairer Börsenwert muss für den erst noch gefunden werden. In der momentanen Marktlage wird aber in jede Richtung übertrieben - anscheinend auch was die Gerüchte anbelangt.

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