Diskussionspapier der US-Notenbank heizt Debatte an
Analyse: Die Geschichte wiederholt sich nicht

Spekulationsblase, Überinvestitionen, Kursverfall - zwischen Japan und den USA gibt es einige Parallelen. Droht in Amerika nun eine ähnliche Dauerkrise? Volkswirte geben Entwarnung. Die Unterschiede zwischen beiden Ländern seien größer als die Gemeinsamkeiten.

DÜSSELDORF. Meist ist es nur ein kleiner Zirkel von Theoretikern, der sich für die wirtschaftswissenschaftlichen Diskussionspapiere der US-Notenbank interessiert. Nicht so beim jüngsten "Discussion Paper" mit der Nummer 729 - das 62-seitige Werk hat Volkswirte rund um den Globus elektrisiert. Denn darin analysieren 13 Ökonomen der Federal Reserve im Detail, warum Japan in den neunziger Jahren in die Deflation geschlittert ist.

Die Studie hat an den Finanzmärkten und bei Ökonomen eine Debatte angefacht über mögliche Parallelen zwischen den USA und Japan. Denn: "Das Papier legt nahe, dass die Geldpolitiker Sorgen über eine Deflation wie in Japan im Hinterkopf haben", sagt M. Cary Leahey von der Deutschen Bank.

Auf den ersten Blick sind die Parallelen frappierend: Mit einer Zeitverzögerung von zehn Jahren durchlebten beide Länder eine Boomphase mit einem Investitionsrausch und hohen Wachstumszahlen. An den Finanzmärkten bildete sich eine gigantische Spekulationsblase, die früher oder später platzen musste. Japan geriet in einen Abwärtsstrudel: Seit Jahren sinken die Verbraucherpreise - die Deflation bremst den privaten Konsum, weil die Konsumenten auf fallende Preise hoffen. Gleich drei Mal in zehn Jahren rutschte Japan in die Rezessionen. Droht den USA eine ähnliche Dauerkrise?

Zahlreiche Banken haben zu diesem Thema Studien veröffentlicht - und alle geben Entwarnung: "Ich halte die ganze Debatte für ein bisschen überzogen", sagt David Milleker, US-Ökonom bei der Dresdner Bank. "Die US-Wirtschaft hat viele eingebaute Korrektur-Mechanismen, die in Japan fehlen", bekräftigt Christian Jasperneite von M.M. Warburg. Ähnlich argumentiert Richard Berner, US-Chefvolkswirt bei Morgan Stanley: "Es gibt viel mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen den USA und Japan."

Beispiel Geldpolitik: Im Rückblick ist klar, dass die japanische Notenbank zu zögerlich reagiert hat - auch nach dem Platzen der Blase hob sie die Leitzinsen zunächst weiter an. In den USA hingegen hat die Federal Reserve die Zinsen schnell und deutlich gesenkt. Und die Ökonomen vertrauen weiterhin auf Alan Greenspan: "Die US-Notenbank hat bereits klar gemacht, dass sie alles tun wird, um ein Abgleiten in die Deflation zu verhindern", sagt Ulrich Kater, Volkwirt bei der Deka-Bank.

Beispiel Fiskalpolitik: In Japan reagierte die Politik erst ab 1992 mit massiven Investitionsprogrammen - drei Jahre, nachdem die Finanzmärkte ihren Höhepunkt erreicht hatten. Die US-Regierung handelte deutlich schneller. Schon im vergangenen Jahr war die Fiskalpolitik sehr expansiv ausgerichtet. Zudem setzt die US-Regierung vor allem auf massive Steuersenkungen - und nicht nur auf Ausgabenprogramme. "Steuersenkungen sind ein Patentrezept", betont Milleker, "sie sind viel effizienter als die Anhebung der Staatsausgaben."

Beispiel Überkapazitäten: In beiden Ländern führte der Investitionsrausch zu vielen Investitionsruinen - in Japan vor allem bei Immobilien. "In den USA konzentrierten sich die Überinvestitionen auf High-Tech-Güter, die schneller abgeschrieben werden können als Immobilien", so Bill Dudley, US-Chefökonom bei Goldman Sachs. Daher dürften die Überkapazitäten in den USA schneller verschwinden als in Japan.

Beispiel politisches System: "Wenn in den USA ein Politiker nicht erfolgreich ist, muss er relativ schnell gehen", betont Dudley. In Japan dagegen ist die Liberaldemokratische Partei noch immer an der Regierung - obwohl sie zehn Jahre lang mit ihrer Wirtschaftspolitik daneben lag.

Aus all diesen Gründen zeichnen sich in den USA derzeit keine Deflationgefahren ab, meinen die Volkswirte. Im Gegenteil: "Es gibt Anzeichen, dass die Inflationserwartungen bei den Konsumenten gestiegen sind", sagt Berner von Morgan Stanley und verweist auf Umfragen unter US-Haushalten. Auch die Abwertung des US-Dollars, die steigende Kapazitätsauslastung in der US-Industrie und etwas höhere Rohstoffpreise deuteten darauf hin, dass die Inflation eher steigen als sinken dürfte.

Trotz allem aber: Ein Restrisiko bleibt. "Wir können die Folgen von extremen Spekulationsblasen an den Finanzmärkten in unseren ökonomischen Modellen nicht richtig abbilden", warnt Jasperneite von M. M. Warburg. Auch in Sachen Deflation fehle den Volkswirten die Erfahrung, betont Kater von der Deka-Bank. "Wir sind zwar noch ein ganzes Stück vom Abgrund der Deflation entfernt, aber ganz geheuer ist uns die Situation trotzdem nicht."

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