Dividende hat bemerkenswerte Renaissance erlebt
Ein Lob der Langeweile

Eine Börse, bei der die Höhe der Dividenden im Vordergrund steht, hat ihre Vorzüge.

Die Börse boomt - und dann wieder nicht. Seit Frühjahr 2000 gab es einen großen Abwärtstrend auf den Aktienmärkten, der immer wieder durch - zum Teil heftige - Aufschwungphasen unterbrochen wurde. Der große Abwärtstrend ist mittlerweile - hoffentlich - vorbei. Ein langfristiger Aufwärtstrend ist jedoch nicht zu erkennen, auch fehlt die Grundlage dafür. Und den Anlegern sitzt der Schock über den Zusammenbruch so tief in den Knochen, dass sie einen Boom ohne fundamentale Begründung nicht inszenieren werden.

So geht das Szenario eines Bärenmarktes mit Zwischenrallys allmählich über in eine seitwärts schwankende Bewegung. Wenn sich die Anleger daran gewöhnen, dass weder ein neuer Boom noch eine Baisse zu erwarten ist, wird sich wohl auch die Aufgeregtheit - die Angst, zu spät zu kommen oder auszusteigen - wieder legen, und die Börse könnte zu geringeren Schwankungen zurückkehren.

Für die Anleger rückt die laufende Ausschüttung ins Blickfeld, wenn am Kurstrend nichts mehr zu verdienen ist. Schon jetzt hat die Dividende an den Märkten eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. Im Boom galt sie als uninteressant, Unternehmen mit hoher Ausschüttung standen unter Verdacht, keine Wachstumschancen mehr zu haben. In der Baisse wurde die Dividendenrendite als Sicherheitsmerkmal erkannt. Außerdem trat der Gedanke, dass Unternehmen mit hoher Ausschüttung finanzielle Disziplin üben müssen, in den Vordergrund.

Vor uns liegt möglicherweise eine Zeit, in der die Dividende wieder der entscheidende Anreiz wird, überhaupt Aktien zu kaufen - und nicht nur ein zusätzlicher Anreiz. Dazu trägt bei, dass Anleihen immer niedriger verzinst werden. Noch geben viele Unternehmen lieber neue Bonds heraus, um sich zu finanzieren. Aber irgendwann werden sie frisches Eigenkapital benötigen - und eine hohe Rendite bieten müssen.

Eine solche Börsenwelt wäre langweilig: Anleger kaufen Papiere und kassieren Dividenden, Kursbewegungen spielen nicht mehr die Hauptrolle. Für die Finanzbranche - möglicherweise auch die Finanzpresse - wäre das keine gute Entwicklung, denn hier gilt der Sponti-Spruch: "nix los, kein Moos."

Aber für die Anleger und für die Unternehmen, die sich finanzieren möchten, wäre diese Langeweile eher von Vorteil. Die Börse kann auf Dauer ohnehin nicht mehr Rendite hergeben als die gesamte Wirtschaft. Und sie kann langfristig für die Unternehmen auch keine Geldquelle mit Discount sein. Anleger müssen mit niedrigen Renditen klarkommen und planen, Unternehmen müssen ihr Kapital sparsam verwenden. Das war im Prinzip immer so - aber eine langweilige Börse macht diese Zusammenhänge transparent.

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