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Doch die Schlangen, die bleiben so lange wie immer

Wahlzeit in Brasilien ist, wenn völlig unbekannte Abgeordnete verzweifelt versuchen, mit Gesetzesinitiativen auf sich aufmerksam zu machen, um die Wiederwahl zu sichern. Wenn ihnen nichts einfällt, kopieren sie aussichtsreiche Ideen ihrer Kollegen.

Wahlzeit in Brasilien ist, wenn völlig unbekannte Abgeordnete verzweifelt versuchen, mit Gesetzesinitiativen auf sich aufmerksam zu machen, um die Wiederwahl zu sichern. Wenn ihnen nichts einfällt, kopieren sie aussichtsreiche Ideen ihrer Kollegen. So können populäre Vorschläge innerhalb von wenigen Wochen die Abgeordnetenhäuser in ganz Brasilien überschwemmen - die Anträge werden oft wortgleich übernommen, teilweise mit den gleichen Grammatikfehlern. Derzeit haben die Politiker die Banken im Visier. Wenn eine Bank nach 15 Minuten Wartezeit einen Kunden nicht bedient, muss sie eine Strafe bezahlen. Kommt das erneut vor, dann wird die Filiale vorübergehend geschlossen. Diese von den begeisterten Abgeordneten in mehreren Provinzen bereits abgesegnete - und vom Verbraucherschutz auch umgesetzte Vorschrift - soll jetzt sogar in São Paulo eingeführt werden. 360 andere Maßnahmen für die Geldhäuser warten noch drohend in der Warteschleife: So etwa die Vorschrift, dass eine Bankfiliale den Wartenden mindestens 25 Sitzplätze sowie einen laufenden Fernseher anbieten muß zum Zeitvertreib für die Kunden. Der Bankenverband schäumt: "Wir sind der regulierteste Sektor der Wirtschaft."

Selbst schuld, möchte man meinen. Denn die im weltweiten Vergleich außergewöhnlich gut verdienenden brasilianischen Banken kümmern sich herzlich wenig um den Kunden in der Filiale. Der Grund: Von der Mittelschicht aufwärts betritt kein Brasilianer eine Bank - das war auch vor Internet und Bankenautomaten der Fall. Denn der so genannte "Office-Boy" erledigt neben den Bankgängen für seinen Arbeitgeber auch die privaten Zahlungen und Überweisungen. für Angestellte. Wer betritt also eine Bank und wartet in den ewigen Schlangen - außer den "Boys", den professionellen Bankbesuchern? Rentner, die ihren Altersbezug abholen, Putzfrauen, die auf ihr Sparkonto einzahlen, einfache Handwerker, die Schecks einreichen - also alle die, an denen die Banken nicht viel verdienen. Typisch brasilianisch, diese abschätzige Behandlung des ärmeren Teils der Bevölkerung, könnte man denken. Doch die ausländischen Banken machen es nicht bes ser: Regelmäßig verkünden ausländische Bankchefs großspurig bei ihrem Markteintritt, dass sie künftig einen kundenfreundlichen Service bieten würden. Doch bei diesen Ankündigungen bleibt es dann. Auch die Multis unter den Banken konzentrieren sich auf das Geschäft mit den Besserverdienenden Brasiliens - oder verlassen eben das Land wieder. Doch die Schlangen, die bleiben so lange wie immer schon.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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