Doch keine Episode
Gerhard Schröder bekommt die zweite Chance

Den Traum hat er sich längst erfüllt - jetzt kann er damit weitermachen. Am 22. September werde sich erweisen, ob seine Regierungszeit "Epoche oder Episode" bliebe, hatte Schröder vor einigen Monaten in der ihm eigenen Selbstironie vorausgeblickt. Die Wähler haben sich am Sonntag dafür entschieden, dem Amtsinhaber die erbetene "zweite Chance" zu geben.

dpa/HB BERLIN. Wie er als Kanzler in Erinnerung bleiben wolle, wurde er in seinem ersten Amtsjahr einmal gefragt. "Er hat seine Arbeit gut gemacht und ist dabei menschlich geblieben", lautete die Antwort. Durchhaltevermögen, Schnelligkeit im Erfassen von Situationen und das Interesse an Menschen - vor allem diese Eigenschaften hätten ihn ans Ziel gebracht. Sein viel gerühmter Instinkt, die frühe Witterung für mögliche Gefährdungen seiner Macht haben ihn in den zurückliegenden vier Jahren aber des öfteren auch im Stich gelassen. In den letzten Wahlkampfwochen hat er diese Kämpfertugenden wiederentdeckt - offensichtlich gerade noch rechtzeitig.

Die Sympathien in der Bevölkerung hatte Schröder auch in schwierigsten Zeiten nicht verloren. Als Person blieb er - anders als seine Partei - beliebt. Sein Popularitätsvorsprung vor seinem Herausforderer Edmund Stoiber war in Umfragen erdrückend. Selten lässt ein Regierungschef die Bevölkerung mehr spüren, dass er "einer von ihnen" ist.

Schon Schröders Herkunft macht dies auch glaubhaft. 1944 wurde er als Sohn eines Hilfsarbeiters und einer Putzfrau im lippischen Mossenberg geboren. Am eigenen Leibe habe er erfahren müssen, was es bedeute, sich Chancen im Leben erkämpfen zu müssen, lautet sein Motto. Aus dem Lehrling in einer Eisenwarenhandlung wurde ein erfolgreicher Jurist. 1990 hatte er es dann zum Ministerpräsidenten in Hannover geschafft.

Die vergangenen vier Jahre erst in Bonn und dann in Berlin waren aber die wohl turbulentesten und Kräfte zehrendsten. Im ersten Amtsjahr nach dem Machtwechsel war viel Dilettantismus spürbar, vom 630-Mark-Gesetz über die deutsche EU-Präsidentschaft bis zum Abgang von Oskar Lafontaine, dem dann noch sieben weitere Ministerrücktritte folgten. Die können es nicht, dieser Eindruck setzte sich nach Schröders ersten zwölf Amtsmonaten fest

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Es folgten zwei Jahre, in denen er als Kanzler fast ohne ernst zu nehmende Opposition galt. Haushaltssanierung, Steuerreform, Atomausstieg - alles ging schließlich am Ende mehr oder weniger reibungslos über die Bühne.

In der Außen- und Sicherheitspolitik wurde eine Zeitenwende eingeleitet. Ausgerechnet die rot-grüne Regierung schickte erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder deutsche Soldaten zu Militäreinsätzen auf den Balkan und nach Afghanistan. Erhebliche Kraft kostete es Schröder und seinen Vize-Kanzler Joschka Fischer, die Widerstände bei SPD und Grünen zu überwinden. Sie fehlte dann mitunter bei anderen Reformprojekten, wie dem energischen Abbau der Arbeitslosigkeit. Das Vertrauen der Wähler in die "ruhige Hand" schlug zunehmend in Enttäuschung um.

Kaum weniger harte Jahre dürften jetzt vor dem alten und neuen Kanzler liegen. Die Lektion aus vielen zurückliegenden Fehlern hat er gelernt. Die Bestätigung im Amt nach einer furiosen Aufholjagd gegen die Umfragen verdankt er weniger seiner Partei als seinem persönlichen Einsatz im Wahlkampf und seinem Außenminister.

Dieser Erfolg wird aufs erste auch seine Machtposition in den eigenen Reihen spürbar stärken. Acht Jahre seien das richtige Zeitmaß für seine Kanzlerschaft, hat sich Schröder bei seinem Amtsbeginn vorgenommen. Ob daraus noch eine "Epoche" wird, dürfte sich vor allem daran entscheiden, ob er in den nächsten vier Jahren das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff bekommt.

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