Domestic Standard
Ein Segmentwechsel hilft Kosten senken

Vor zwei Jahren türmten sich Anträge auf die Zulassung zur Börse - besonders zum Neuen Markt. Jetzt stapeln sich Anträge auf einen Wechsel des Segments oder ein Delisting. Die Börse hat reagiert.

HB FRANKFURT. Wer für die Börsenpräsenz weniger Geld ausgeben will, kann sich vermutlich ab Anfang 2003 im so genannten "Domestic Standard" listen lassen. Anforderungen wie Quartalsberichterstattung, internationale Rechnungslegungsstandards, die Veröffentlichung eines Unternehmenskalenders, mindestens einer Analystenkonferenz jährlich sowie Ad-hoc- Mitteilungen in englischer Sprache kann sich das Unternehmen damit erübrigen. Stattdessen genügen die gesetzlichen Mindestanforderungen, wie sich derzeit im Amtlichen Handel Vorschrift sind.

Viele Unternehmen haben bereits in den jetzt noch bestehenden Segmenten Neuer Markt und Smax den Wechsel vorgemacht. 90 haben den Neuen Markt bereits verlassen, 58 dem Smax den Rücken gekehrt. Viele andere werden ab 2003 ganz einfach keinen Antrag auf Listing im Prime Standard stellen, so Experten. Ziel wird der Domestic Standard sein. Die günstigeren Kosten dort stehen als Begründung stets im Vordergrund, aber auch die geringere Öffentlichkeit kommt vielen Unternehmen in den Zeiten angespannter Bilanzen nicht ungelegen.

"Gerade ein kleines Unternehmen muss die Kosten-Nutzen-Relation überdenken", so Candice Adam, Sprecherin der Deutschen Börse. Die durchschnittlichen Kosten für die Zugehörigkeit zum Prime Standard beispielsweise liegen nach Angaben der Deutschen Börse bei 500 000 Euro. Davon fallen aber nur 7 500 Euro für das eigentliche Listing an. Den Rest verschlingen die hohen Qualitätsanforderungen. Volker Borghoff von HSBC Trinkaus & Burkhardt schätzt die Kosten für ein Listing im Prime Standard mit seinen Quartalsberichten, mindestens einer Analystenkonferenz jährlich, zwei Designated Sponsors und dem nur schwer errechenbare Aufwand für Investor Relations und Public Relations auf bis auf eine Million Euro.

Der Domestic Standard bietet immer noch ein gewisses Maß an Seriosität im Vergleich zu einem Listing im Freiverkehr, wozu es nur eines Kursmaklers bedarf. Deshalb betrachten es viele Unternehmen als eine Anpassung an ein verändertes Umfeld, dass man sich für das einfachere Segment entschließt. "Für einige Gesellschaften macht der enorme Aufwand keinen Sinn mehr" bringt es Christian Saul von der Hamburger Vereins und Westbank - auf den Punkt. Viele Unternehmen notieren schon lange als Penny Stock und werden weder von Analysten noch institutionellen Anlegern beachtet. Hohe Kosten stehen bei diesen klammen Gesellschaften nahezu keinem Nutzen gegenüber.

Lediglich für Wachstumsunternehmen, die auch ihren künftig hohen Wachstumsbedarf absehen können, lohnt sich der kommende Prime Standard mit seinen besonderen Qualitätsanforderungen. Bei institutionellen Investoren dürfte das neue Segment schon bald nach Einführung einen hohen Stellenwert genießen, so die einhellige Meinung von Experten.

Es sind aber nicht nur Kostengründe, die in der Vergangenheit für den Segmentwechsel sprachen. Auch die anhaltende Konsolidierungsphase in vielen Branchen führte dazu, dass auch populäre Namen von Kurszetteln verschwunden sind. Jüngstes Beispiel war der Nürnberger Discount Broker Consors, der nach der Übernahme durch die französische Großbank BNP Paribas nur noch über fünf Prozent Streubesitz verfügte. Gleiches galt auch für Rhein Biotech, die sich nach der Übernahme durch die Schweizer Berna Biotech ebenfalls an den Geregelten Markt zurückzog. Auf weitere Besipiele in Zukunft kann man warten.

Nur selten ist hingegen ein Delisting, also das komplette Streichen der Börsennotiz an einer deutschen Börse ein Thema. Anlass ist dann meist die Insolvenz der jeweiligen Gesellschaft mit anschließender Auflösung oder Zerschlagung. Oder es kommt zu einer Komplettübernahme durch ein anderes Unternehmen. So hat der Limburger Betreiber digitaler Videotheken Internolix sein Listing am Neuen Markt zum 10. September eingestellt, nachdem die Übernahme durch die Medianetcom AG abgeschlossen war und 99,6 Prozent der Anteile sich in deren Besitz befanden.

Christian Schnell ist Mitglied der Handelsblatt-Finanzredaktion in Frankfurt.

Quelle: Handelsblatt

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