Donadoni möchte Italien weiter trainieren
Italiens Presse fordert Lippis Rückkehr

Giancarlo Abete sagte, man solle sich von den Emotionen nach dem Spiel nicht leiten lassen. Diese seien schlechte Ratgeber. Und das wäre das Allerletzte, was die Italiener in diesem Moment gebrauchen können: Einflüsterungen des Herzens. Seit Sonntagabend hat der Präsident des italienischen Fußballverbandes FIGC nach dem 2:4 (0:0, 0:0) im Elfmeterschießen gegen Spanien den frühen Abschied des Weltmeisters von der Europameisterschaft zu verwalten. Abete muss nun entscheiden, wie es weitergehen soll.

WIEN. In erster Linie heißt das: Den Vertrag des (noch) amtierenden Trainers Roberto Donadoni zu prüfen. Dieser läuft bis zur Weltmeisterschaft in Südafrika 2010. Aber er ist mit so vielen Klauseln versehen, dass die berühmten Serviettenverträge des Altstars der Präsidenten-Riege, des Spaniers Santiago Bernabeú (Real Madrid), mehr wert waren. Abete kann Donadonis Arbeitsvertrag in den kommenden vier Wochen für die festgeschriebene Ablöse von einer halben Million Euro auflösen. Das ist die eine Version. Eine andere lautet: Der Vertrag wird automatisch nichtig, falls Donadoni das Halbfinale nicht erreicht. "Wir werden uns in den kommenden Tagen zusammen setzen und sehen, was wichtig ist für die Zukunft des italienischen Fußballs", sagt Abete.

Erhellend ist der Umstand, dass "il presidente" den Vertrag zu verantworten hat. Weshalb sich seine Adresse an den Trainer unmittelbar nach dem recht hässlichen Spiel gegen die Spanier auch als "Grazie e Arrivederci, Roberto!" deuten lässt. Abete erklärte, er habe mit Donadoni bereits vor dem Spiel lange gesprochen und die Optionen für eine weitere Zusammenarbeit abgewogen. Die nächsten Gespräche werden sich daher nicht um den Trainer drehen, "weder um die Person, noch um die Qualität seiner Arbeit". Sondern? "Wir müssen sehen, wie die Perspektiven sind."

Donadoni, der vor dem Abflug in die Heimat gestern Nachmittag den Klauseln trotzte ("Ich denke nicht an Rücktritt, ich habe mir nichts vorzuwerfen"), sollte trotzdem vorsorglich mit seiner Entlassung rechnen. Schon seine Berufung auf den von Weltmeister-Trainer Lippi freiwillig geräumten Stuhl war mit Argwohn verfolgt worden. Zu jung sei der frühere AC Milan-Star, hieß es. Er ist 44. Zu unerfahren, er hat den AC Lecco (Serie C), den AS Livorno (B, A) und Genua 1893 (B) trainiert. Vielleicht auch zu unitalienisch. Donadoni spielte schon als Spieler lieber nach vorn als nach hinten.

Dass er gegen die Kurzpass-Künstler aus Spanien mit Luca Toni nur eine echte Spitze auflaufen ließ, war somit in erster Linie nicht der klassischen italienischen Fußballlehre entnommen, sondern drei anderen Umständen geschuldet. Der erste: Mit nur einem Stoßstürmer und einer hängenden Spitze (gegen Spanien Cassano) dahinter sind auch Niederländer, Russen und am Ende gar die Deutschen aufgelaufen. Die letzteren beiden Teams stehen im Halbfinale, die Holländer schlugen Italien im ersten Gruppenspiel 3:0. Der zweite: Donadoni hatte den Ausfall von drei Stammkräften in der Defensive zu verkraften: Kapitän Cannavaro (Knöchel), Barzagli (Innenmeniskus), Materazzi (die Nerven). Und zwei im Mittelfeld: Pirlo und Gattuso (Gelb-gesperrt). Zusammen ergab das im Viertelfinale eine Not-Verteidigung und ein Not-Mittelfeld.

Der dritte Umstand: Mehr gibt der italienische Fußball eben nicht her. Es dämmerte schon vor dem Turnier über der Weltmeister-Generation, mit etwas über 29 Jahren bildete sie den ältesten Kader dieser EM. Aus diesem Grund sollte Abete nicht nur die Talente des Jungtrainers prüfen, auch die Ratschläge aus den Zeitschriften in der Heimat lohnen einen doppelten Blick. Nach deren Gusto soll Marcello Lippi der gestolperten "Squadra Azzurra" wieder auf die Beine helfen. "Jetzt beginnt die zweite Epoche des Trainers von Berlin", titelte der "Corriere dello Sport" prompt nach dem verlorenen Elfmeterschießen. Die Donadoni-feindliche "Gazzetta dello Sport", immerhin, beließ es bei einem Hinweis. "Jetzt könnte die Phase Lippi beginnen."

Trauriges Italien! Abgesehen von neuen Spielern lässt sich nicht einmal ein neuer Trainer finden. Erhältlich ist auf dem Markt neben Lippi zurzeit nur Roberto Mancini. Der 43-Jährige hat mit Inter Mailand drei Meisterschaften in Folge gewonnen, zu mehr hat er die wilde Ansammlung alternder Stars (Vieira, Figo, Zanetti, Solari, Crespo) aber nicht motivieren können. Die anhaltenden Niederlagen in der Champions League bewogen Klubbesitzer Massimo Moratti jüngst dazu, es mal mit José Mourinho zu probieren. Gute Nachwuchsspieler sind ebenso nicht in Sicht. Die Jüngsten, Barzagli (27), Gamberini (26, alle Verteidigung), Aquillani (23, Mittelfeld) sowie Borriello (25), Quagliarello (26) und Cassano (25, Sturm) sind mit Ausnahme von Chiellini (23) und De Rossi (24) keine Verheißungen. Dass Barzagli etwa zum VfL Wolfsburg wechselt, spricht nicht gegen, aber auch nicht für ihn.

Und, zu guter Letzt: Vielleicht tut auch eine Umkehr in der Auffassung von Fußball Not. In dem Fall, dass auch die stramm verteidigenden Türken ausscheiden, wird sich mit Sicherheit einer der drei verbliebenen Trainer am Ende durchsetzen, der auf schnellen, offensiven, mutigen Pass-Fußball setzt. Gestern jubelte der oberste Technik-Chef der Uefa in Wien, Andy Roxburgh: "Wir sehen eine unglaubliche Mischung aus Dynamik und hohem technischem Standard." Die große Erkenntnis sei: "Die Notwendigkeit zum schnellen Handeln." Gilt allerdings nur für Spieler. Nicht für Präsidenten.

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