Doping, Drummond und die Deutschen
Deutsche Leichtathleten abgestürzt

Der größte Dopingskandal seit dem Sündenfall Ben Johnsons vor 15 Jahren, der "Liegestreik" des Jon Drummond und der Abstieg der deutschen Leichtathleten aus der Weltliga - bei den 9. Weltmeisterschaften standen mitunter mehr die Negativerlebnisse als sportliche Leckerbissen im Mittelpunkt.

HB/dpa PARIS. Innerhalb weniger Stunden erlebte Sprintstar Kelli White mit ihrem "Fall von Paris" ein Wechselbad der Gefühle: Die US-Meisterin, die nach ihrem 100-m-Sieg vor Wochenfrist positiv auf die Partydroge Modafinil getestet worden war und danach auch die 200 m - ohne positiven Befund - gewann, hat vom Weltverband IAAF noch eine Gnadenfrist erhalten.

Kelli Whites Freund Boris Henry setzte am Sonntag im Stade de France einen bronzenen Schlusspunkt unter die miserable deutsche Bilanz: Der bullige Speerwerfer aus Saarbrücken wurde wie 1995 in Göteborg Dritter, diesmal mit 84,74 m hinter dem Russen Sergej Makarow (85,44) und dem Esten Andrus Värnik (85,17). Der dreimalige Weltmeister Jan Zelezny (Tschechien) musste sich zwar mit Rang vier begnügen, stellte aber wahrscheinlich einen Rekord für die Ewigkeit auf: Mit acht Teilnahmen ist der 37-Jährige Teil der WM-Geschichte.

Für IAAF-Vizepräsident Helmut Digel stand schon vor dem Finale fest: "Das war die beste WM bisher." 1903 Sportler aus 203 Ländern traten bei der ersten Leichtathletik-WM in Frankreich an - auch das ist ein Superlativ. Wie bei Hochspringerin Hestrie Cloete: Mit der Jahresweltbestleistung von 2,06 m verteidigte die Südafrikanerin ihren Titel und sorgte für eines der wenigen sportlichen Highlights der WM.

Deutsche Erwartungen nicht erfüllt

Speerwerferin Steffi Nerius hatte am Samstag mit Platz drei die Erwartungen erfüllt. Dies lässt sich über den WM-Tross des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) mit 62 Athleten sowie Trainern, Funktionären, Medizinern, Betreuern und Helfern nicht sagen. An den Wettkampftagen zuvor durfte nur über Silber für Stabhochspringerin Annika Becker und Bronze für Geher Andreas Erm laut gejubelt werden.

Die deutsche Frauenstaffel über vier x 400 m mit Schlussläuferin Grit Breuer landete beim Zittersieg der Amerikanerinnen (3:22,63 Minuten) durch die Disqualifikation Senegals sogar auf dem vierten Platz (3:26,25). Mit insgesamt vier Medaillen wurde das ohnehin bescheidene WM-Ziel von fünf bis acht Mal Edelmetall verfehlt. "Wir haben unsere Erwartungen und Ziele nicht erreichen können. Ich glaube aber nicht, dass die Leichtathletik in einer Krise steckt", bilanzierte DLV - Präsident Clemens Prokop.

Die USA behaupteten in der Seine-Metropole zwar ihren Platz an der Sonne mit dem zehnten Titel in der abschließenden vier x 400-m-Staffel, in Erinnerung dürften aber vor allem die Negativschlagzeilen bleiben: Kelli White unter Dopingverdacht, der sprintende "Bad boy" Jon Drummond nach Fehlstart und showträchtiger Rebellion vom US-Verband quasi zur Abreise gezwungen.

"This is not America" tönte Rockstar David Bowie am Schlusstag aus den Lautsprechern. Das war wirklich nicht Amerika: "Allez les bleus" skandierten die insgesamt 580 000 Zuschauer an den neun Wettkampftagen in der imposanten Endspiel-Arena der Fußball-WM 1998. Die Franzosen glänzten wie nie zuvor bei einem Weltchampionat und ließen es am Samstag so richtig krachen: Zwei Mal Gold innerhalb einer Viertelstunde! Erst Eunice Barber mit einem "last-minute-Sieg" im Weitsprung, dann fing Schlussläuferin Christine Arron die durch den White-Ausfall geschwächte US-Sprintstaffel auf der Ziellinie ab: 5/100 Sekunden schneller - der zweite Coup der Equipe tricolor.

Die erste Goldmedaille für die leidgeprüften Kenianer holte am letzten Tag Marathonläuferin Catherine Ndereba in 2:23:55 Stunden, drei Stunden später rang ihr Landsmann Eliud Kipchoge über 5000 m Marokkos Mittelstreckenkönig Hicham El Guerrouj nieder. Spurtsieger im 800-m-Finale wurde der Algerier Djabir Said-Guerni. Ohne Weltrekordler Tim Montgomery, Olympiasieger Maurice Greene und Fehlstarter Drummond musste die US-Verlegenheitsstaffel bis zum letzten Zentimeter um die Titelverteidigung in 38,06 Sekunden vor den Briten (38,08) zittern. Eine überraschende Niederlage kassierte 1500- m-Europameisterin Süreyya Ayhan gegen die Russin Tatjana Tomaschowa.

Wie Edmonton 2001 sah auch Paris keinen einzigen Weltrekord: Die beiden Weltbestleistungen im Männer-Gehen werden erst ab 1. Januar 2004 "veredelt". Erneut nahmen Aktive aus 42 Ländern Medaillen mit.

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