„Doping wird in den USA klein geredet"
Ein Schuhkarton voll kleiner Fläschchen

In den USA wurden viele Leichtathleten positiv getestet - ein deutscher Sportarzt hat das Dopingsystem vor Ort miterlebt.

BERLIN. Die Trainingsgruppe saß im Wohnzimmer, in irgendeinem Appartement in Los Angeles. Weltklasse-Sprinter und Weltklasseprinterinnen, Sprint-Talente, und dazwischen ihr Trainer. "Es war ein berühmter, hochkarätiger Trainer", sagt ein deutscher Sportarzt. Er saß auch dabei, eingeladen von diesem Trainer. Und dieser Coach habe dann auf ein Talent gezeigt und gesagt: "Bei ihm müssen wir jetzt etwas machen. Da brauchen wir jetzt Salz in der Suppe." Im Klartext habe das geheißen: "Der braucht jetzt Dopingmittel." Der Arzt wusste, was gemeint war, und Sekunden später fragte ihn der Trainer: "Gibst du ihm Dopingmittel?" Ich habe abgelehnt, sagt der Arzt.

Er kannte die Athleten, er kannte den Coach, er hatte sie mehrfach bei einem großen Leichtathletik-Meeting in Deutschland getroffen. Er war dort jahrelang Meeting-Arzt, und irgendwann kam die Einladung in die USA. Und bald war klar, weshalb: "Ich sollte in Trainingslagern die optimale Dopingdosis testen." Und trotz der Ablehnung habe der Coach weiter versucht, ihn anzuwerben. Deshalb, sagt der Mediziner, der anonym bleiben will, habe er im November 2000 Einblick in das Dopingsystem von US-Leichtathleten erhalten. Und weil gerade unzählige US-Leichtathleten in der A-Probe positiv auf das Steroid THG getestet worden, sagt der Arzt: "Das bestätigt, was ich erlebt habe." Bei dem Trainer handele es sich aber nicht um John Smith, den Coach von 100-m-Olympiasieger Maurice Greene.

Der US-Trainer habe ihm Vertriebswege offenbart. "Es gebe bestimmte Ärzte, die genau die Dopingdosen festlegten. Dort würde er auch die Dopingmittel abholen. Ich sollte sogar mal zum Einkauf mitfahren." Zudem würden die gedopten Athleten permanent von unabhängigen Labors untersucht. Einfaches Ziel: Trainer und Athlet sollten ständig wissen, ob sie noch nachweisbare Dopingmittel im Körper haben. Gerade vor Wettkämpfen ist das von Bedeutung. "Das ist wie in Kreischa", sagt der Arzt. In Kreischa wurden DDR-Athleten vor Wettkämpfen auf Doping getestet. Nur wer negativ war, durfte fahren. Alles laufe konspirativ, sagt der Arzt. Die Labors würden mit viel Geld ruhig gestellt. Kein Testergebnis werde im Computer gespeichert. Er habe den Trainer mal gefragt, wo die Steroide hergestellt würden. Da sagte er nur: "Lass das mal unsere Sorge sein, wir haben unsere Quellen." Gerade weil ihm der Einblick fehlte, sei er als Arzt eingeladen worden. "Die wollten die Meinung von einem hören, der nicht zum System gehört."

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