Doppelmoral
Frauen-Apartheid

Von Angela Merkel bis Andrea Nahles, von Ursula von der Leyen bis Claudia Roth und Gesine Schwan erobern die Frauen bei uns immer mehr politische Macht. In unserem Nachbarkulturkreis passiert jedoch das glatte Gegenteil. Die Unterdrückung der Frauen erreicht in Arabien und Afrika erschreckende Dimensionen.

Die jüngsten Berichte zeugen gar von einer aufkommenden Geschlechter-Apartheid. Die Uno warnt: Barbarische Strafen von Kreuzigungen bis Beschneidungen häufen sich wieder im islamischen Raum. Frauenhinrichtungen seien selbst in Metropolen wie Riad üblich. In Iran warten etwa ein Dutzend Frauen auf ihre Hinrichtung durch Steinigung wegen Ehebruchs. Der Fall der verurteilten Khayrieh hat nun international Aufsehen erregt. Denn sie fleht: "Ich bin bereit, gehängt zu werden, aber sie sollten mich nicht steinigen. Sie könnten einen strangulieren und dann würde man sterben, aber es ist sehr schwer, von Steinen am Kopf getroffen zu werden."

Der Westen aber schweigt. Nicht nur bei Steinigungen. Auch zur systematischen Unterdrückung der Frauen. In Saudi-Arabien werden sie kaum besser behandelt werden als Kamele. Sie dürfen weder einen Pass haben noch Auto fahren; ihnen werden Bildung, Berufe, ja öffentliche Räume vorenthalten wie einst den Schwarzen in Südafrika. Als damals das Regime am Kap sein Volk in zweierlei Menschen einteilte, in Menschen und Untermenschen, da empörte sich die Welt, dass es Schulen und Ämter, Busse, Strände und Parkbänke gab, die nur denen vorbehalten waren, deren Hautfarbe zufällig etwas heller war als die der anderen. Die Apartheid wurde boykottiert und irgendwann fielen die Mauern der Rassentrennung. Nelson Mandela kam frei und mit ihm Millionen aus dem Gefängnis der Entrechtung.

Heute gibt es eine neue Apartheid - eine gewaltigere sogar. Wieder werden einer Gruppe die Menschenrechte aberkannt. Nur diesmal macht nicht die Hautfarbe, sondern das Geschlecht den Unterschied. Das Pretoria unserer Tage trägt Schleier. Die neuen Apartheids-Opfer dürfen nicht einmal anziehen, was sie wollen. Man steckt sie in dunkle Tücher und stigmatisiert sie bis zur Unkenntlichkeit. Eine Diktatur der Männer unterjocht die Hälfte der Bevölkerung mit einer Selbstverständlichkeit, mit der der Wind durch die Wüste weht.

Aber wehrt sich irgendwer? Gibt es neue Anti-Apartheids-Demonstrationen? Greenpeace denkt an die Wale, Europa an den Klimawandel, die Frauenbewegung an die Lesben-Ehe, die Bundesregierung an gute Beziehungen. Frauen-Apartheid wird gerne übersehen. Sich darüber zu empören, mag so müßig sein wie die Welt-Geschichte der Unterlassungen. Vielleicht gehört Doppelmoral zum Politischen wie die Alge ins Meer. Und doch lohnt bei der Frauen-Apartheid der Blick aufs Motiv der Unterlassung. Wenn reihenweise Diktaturen den Frauen die Menschenrechte entziehen, und der Westen das schweigend duldet, dann zeugt das von Interessen, Angst oder Gleichgültigkeit.

Ich vermute, alles gleichzeitig. Der Westen hat Angst, mit Mächten wie Saudi-Arabien oder Iran den direkten Konflikt zu suchen. Es ist ja viel leichter, sich an Klein-Israels Politik, dem Grenzzaun und Herrn Olmert das Mütchen zu kühlen, als den hochgerüsteten Golf-Diktaturen die Leviten zu lesen. Die einen versorgen uns nur mit Erinnerung, die anderen aber mit Öl. Südafrika war eben ein leichtes Opfer der moralischen Anklage. Es hatte weder Öl, noch entwickelte es Atomwaffen.

Die Angst des Westens hat neben realpolitischen aber auch kulturelle Facetten. Man traut sich nicht, den Kampf der Kulturen wirklich zu führen. Im Grunde will man dem Konflikt ausweichen. Durch blindes Wegducken, naives Umarmen und Preisgabe eigener Grundwerte wählt man lieber einen faulen Frieden als eine achtbare Haltung.

Noch heikler ist freilich die Facette der Gleichgültigkeit. Möglicherweise erwächst das achselzuckende Wegsehen einem stillen Einverständnis der Männer - über alle Kulturgrenzen hinweg. Wenn Frauen unterdrückt werden, bekümmert es die Machtmänner aller Länder weniger, als wenn es ihresgleichen träfe. Man stelle sich vor, die Islamisten behandelten Rechtshänder oder Brillenträger oder Juristen oder gar Männer systematisch so wie sie Frauen demütigen. Jede Wette - die Empörung aus dem Westen würde sofort losbrausen.

Insofern wirft die Frauen-Apartheid ein Licht nicht nur auf Doppelmoral, sondern auch auf unsere eigene unvollendete Geschlechteremanzipation. Man ist eben Mann.

Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Mehr von ihm finden Sie unter » www.cicero.de

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