Doppelt so alt wie "Lucy"
Neuer Menschen-Vorfahr gefunden

Wissenschaftler aus Frankreich und dem Tschad berichten in der britischen Fachzeitschrift "Nature" vom Fund eines Schädels in Zentralafrika, der aus der Zeit der Trennung der Affen- und Menschenartigen stammen könnte. Dieser Fund könnte die Vorstellungen über die Abstammung des Menschen revolutionieren, glauben Experten.

HB LONDON. Das älteste Mitglied der Menschenfamilie lebte möglicherweise schon vor sechs bis sieben Millionen Jahren - und wäre damit doppelt so alt wie die berühmte "Lucy" aus Ostafrika. Wissenschaftler aus Frankreich und dem Tschad berichten in der britischen Fachzeitschrift "Nature" vom Fund eines Schädels in Zentralafrika, der aus der Zeit der Trennung der Affen- und Menschenartigen stammen könnte (Bd. 418, Nr. 6894, S. 145). Der neue Fund könnte die Vorstellungen über die Abstammung des Menschen ebenso revolutionieren wie der des "Taung-Schädels" in Südafrika vor 77 Jahren, glauben Experten.

Bereits im Juli 2001 fand die Expedition der "Mission paléoanthropologique Franco-Tchadienne" in der Djurab-Wüste im Norden des Tschad einen gut erhaltenen Schädel, zwei Bruchstücke von Unterkiefern und drei Zähne, berichtet Projektleiter Michel Brunet von der französischen Universität Poitiers. Alle Überreste deuten auf ein Wesen mit einer Mischung von primitiven und moderneren Merkmalen, das keiner der bisher bekannten Arten zugeordnet werden kann.

Der Hirnschädel ähnelt dem eines Schimpansen, der relativ flache Gesichtsschädel, die markanten Wülste über den Augenhöhlen und die kleinen Eckzähne deuten dagegen deutlich auf eine Menschenverwandtschaft. Die genaue Datierung ist noch nicht abgeschlossen, berichtet Brunet. Tierfossilien der selben Fundstelle aus 44 verschiedenen Gruppen weisen jedoch auf ein Alter zwischen sechs und sieben Millionen Jahre hin. Damit wäre das Fossil der älteste bekannte Vorfahr des Menschen.

Der Fund erhielt den wissenschaftlichen Namen "Sahelanthropus tchadensis" (wegen seines Fundes im Tschad und der Sahel-Zone). Wie viele andere bedeutende Menschenfunde, etwa "Taung" und "Lucy" erhielt er aber auch einen Spitznamen: Toumaï. In der Sprache der Bewohner der Djurab-Wüste wird dieser Name, "Hoffnung auf Leben", häufig Kindern gegeben, die kurz vor der Trockenzeit geboren werden.

Der Fund von Toumaï könne nicht nur Licht auf die bisher kaum bekannte frühe Entwicklung des Menschen werfen, er zwinge auch dazu, die bisherige Ansicht zu überdenken, dass Ost- und Südafrika die Wiege des Menschen seien, schreibt Brunet. Die Tatsache, dass menschenähnliche Wesen im Gebiet des heutigen Tschad lebten, also 2500 Kilometer von den bekannten ostafrikanischen Fundstellen entfernt, bedeute, dass diese sich schon früh in sehr viel differenzierteren Formen entwickelten und weiter verbreitet waren als bisher angenommen.

"Dies könnte ein ebenso wichtiger Wendepunkt der Forschung sein wie der Fund des ersten `Affenmenschen (Australopithecus africanus) durch Raymond Dart im Jahre 1925", kommentiert Berard Wood von der Universität Washington (USA) in "Nature". "Ich denke, dass Sahelanthropus erst die Spitze eines Eisbergs bisher unbekannter Entwicklungsstufen des Menschen zwischen 5 und 7 Millionen Jahren darstellt."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%