Doppeltt so viel gespendet wie offiziell bekannt
Hunzinger AG: Allergrößte Skepsis

Der Frankfurter Beziehungsmakler gilt seit der Causa Scharping im Regierungsviertel als Persona non grata. Dabei hat die politische Klasse früher mit ihm gut verdient. Nun will ihn plötzlich keiner gekannt haben.

DÜSSELDORF. "Außer Exverteidigungsminister Rudolf Scharping hat kein weiteres Ministerium Geschäftskontakte zu Moritz Hunzinger", ließ Anfang der Woche die Bundesregierung verlauten. Abgeordnete haben nun, fällt der Name Hunzinger, merkwürdige Erinnerungslücken. "Pfui" rufen all jene, die gestern noch in seine politischen Salons liefen, Bücher in seinem Verlag veröffentlichten, für Vorträge dicke Spenden an die eigene Partei erhielten oder sonstwie von seinem Beziehungsnetz profitierten.

Verlogener geht es kaum. In der Branche stand der agile Politikberater, Public-Affairs-Manager und Beziehungsmakler schon lange im Ruch der Unseriosität. "Hunzingers Ruf ist seit Jahren nicht der beste. Jeder, der Geschäfte mit ihm macht, muss wissen, was ihn erwartet", sagt Annette Siemes, Leiterin für strategische Kommunikation von Apco Deutschland, dem Ableger einer weltweit tägigen Public-Affairs-Agentur. "Jeder Politiker hätte stutzig werden müssen", sagt auch Reinhold Robbe, Sprecher des einflussreichen Seeheimer Kreises der SPD.

Er muss es wissen. Robbe sollte 1999 die Nachfolge des ins Kanzleramt promovierten Hans Martin Bury im Aufsichtsrat der Hunzinger antreten. Nach nur einer Sitzung bat Robbe um seinen Abschied. "Auf Grund des Sitzungsverlaufs, vor allem auf Grund des Verhaltens von Moritz Hunzinger, bekam ich allergrößte Skepsis", sagt er. "Der ist für mich eine ganz dubiose Figur." Robbe besucht bis heute weder Hunzingers Salons noch vermittelte er diesem Kontakte zu anderen Politikern.

Andere waren weniger zimperlich, wie Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch, der für einen Vortrag knapp 20000 Mark nahm. Verpflichtungen gegenüber Hunzinger? Aber nicht doch, sagt Schlauch heute. Natürlich nicht - das Geschäft läuft subtiler. Wie im Fall der ehemaligen CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister. Sie bat in einem Brief am 27. Oktober 1994 den damaligen Chef des Bundeskanzleramts, Friedrich Bohl ("Sehr geehrter Herr Minister, lieber Fritz"), bei der Telekom-Privatisierung das britische Unternehmen Kleinwort Benson zu berücksichtigen. Dies sei "seriös" und verfüge "über eine große Erfahrung". Zwei Tage zuvor hatte auch Hunzinger bei Bohl schriftlich für Kleinwort Benson ein gutes Wort eingelegt. Eine merkwürdige Parallelität, weil der agile PR-Mann für reichlich Spenden bei der Union sorgt und wiederum Baumeister berät.

Hunzinger weist jeden Zusammenhang zwischen Wohltaten und Interessen weit von sich - und weiß doch, dass üppige Zuwendungen dubios wirken können. Schließlich hat er selbst einen Kunden in einem solchen Fall beraten: den Hamburger Großaktionär der WCM AG, Karl Ehlerding. Der hatte der CDU mit seiner Ehefrau Ingrid 1998 und 1999 insgesamt 5,9 Millionen Mark gespendet und im gleichen Zeitraum 120 000 Wohnungen aus dem Vermögen der Bahn gekauft. Ein umstrittenes Geschäft, weil Konkurrenten höhere Angebote als WCM eingereicht hatten. Die SPD witterte Bestechung und zitierte den Unternehmer vor den Spenden-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Hunzingers Verteidigungsstrategie: Er beklagte, dass Ehlerdings "Unterstützung staatstragender Organisationen, zu denen unsere Parteien zählen, auf diese Weise in die Öffentlichkeit gezerrt wird" und deutete ein Versiegen des Geldstroms an. Ehlerding werde "entsprechende Konsequenzen ziehen".

Hunzinger bestellt selbst als Großspender fleißig das Feld, das er beackert: Alle im Bundestag vertretenen Parteien - mit Ausnahme der PDS stehen auf seiner Liste. Dabei war er weit großzügiger als bisher bekannt. Genau 1 057 200 Mark hat er demnach zwischen 1990 und 1999 gespendet, geht aus einer von Hunzinger selber verfassten Aufstellung hervor, die der WirtschaftsWoche vorliegt. In den offiziellen Rechenschaftsberichten der Parteien sind hingegen nur 437 000 Mark verzeichnet. So hat die FDP 1997 laut Rechenschaftsbericht 25 000 Mark von dem Strippenzieher bekommen, laut Hunzinger hingegen 62 500 Mark. 1998 weist die FDP 105 000 Mark aus, Hunzinger 205 000 Mark. Die CDU erhielt demnach 1998 nicht 76 000, sondern 106 000 Mark, die CSU 1999 nicht 130 000, sondern 150 000 Mark.

Hauptgrund für die Widersprüche: veröffentlichen mussten die Schatzmeister nur die Spenden über 20 000 Mark (heute: 10226 Euro). Hunzinger aber spendete sowohl als Privatmann als auch über mindestens drei seiner Unternehmen - und blieb damit vielfach unterhalb der Veröffentlichungsgrenze. Deshalb taucht er in den Rechenschaftsberichten der Grünen überhaupt nicht auf, obwohl die Ökopartei von 1997 bis 1999 laut Hunzinger insgesamt 52 400 Mark bekam. Nach dem gleichen Muster spendete er der SPD allein von 1994 bis 1999 102 000 Mark - in den veröffentlichten Listen der Genossen sucht man den Namen Hunzinger aber vergebens.

Peter Leo Gräf/Harald Schumacher

Quelle: WirtschaftsWoche

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