Drache verdrängt Tiger
Chinas Aufstieg scheint unaufhaltsam

Wenn der Transrapid morgen in Schanghai aus der Longyang-Station schwebt und mit über 430 Stundenkilometer auf den Flughafen Pudong zurast, dann dürften seine prominentesten Fahrgäste, Chinas Ministerpräsident Zhu Rongji und Bundeskanzler Gerhard Schröder, nicht nur einen neuen Meilenstein in der internationalen Verkehrstechnologie feiern.

HB DÜSSELDORF. Zugleich setzt sich die Volksrepublik China ein Denkmal für technologischen Fortschritt, das weltweit seinesgleichen sucht.

Die chinesische Hafenmetropole Schanghai steht als Sinnbild für ein fortschrittsgläubiges, hoch innovatives China - im Gegensatz zum Nachbarn Japan, das seit mehr als zehn Jahren an mangelndem politischen Willen zu einschneidenden Reformen krankt. Geht es nach den Plänen der verjüngten Führungselite Chinas, so wird dieses Bild im ganzen Land Nachahmer finden. Pekings Kommunisten liebäugeln 2003 nicht nur mit dem Kapitalismus. Sie haben ihn inzwischen zum Parteiprogramm erhoben. Die KP hofiert Privatunternehmer, um Reformen in Staatsindustrie, Wissenschaft und Infrastruktur schneller noch als in den vergangenen beiden Jahrzehnten umsetzen zu können. Die vierte Politikergeneration nach Mao Zedong, die im März ihr Amt antritt, schafft damit die Aussicht auf ein modernes China, das nach Ansicht des singapurischen Ministerpräsidenten Goh Chok Tong Japan binnen 20 Jahren wirtschaftlich überholt haben könnte.

Atemberaubendes Tempo

Bislang liegt Chinas Bruttosozialprodukt noch bei einem Viertel der Wirtschaftsleistung Japans. Aber der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO), der unbändige Wille Wachstum zu erzeugen und der soziale Druck, der hinter diesem Anliegen steht, treiben Reformen und Modernisierung in einem atemberaubenden Tempo voran. So wird das Reich der Mitte auch im kommenden Jahr mehr als sieben bis acht Prozent Wachstum erzeugen und damit zu einer der zugkräftigsten Lokomotiven der Weltwirtschaft werden. Japan dürfte schon über ein Prozent froh sein. Ausländische Investoren ergreifen die Chancen, die das Billiglohnland bietet, mit beiden Händen. Zuhauf strömen sie in die Volksrepublik. In den vergangenen beiden Jahrzehnten haben sie 500 Mrd. $ in der Volksrepublik angelegt, 2003 dürften 60 Mrd. $ dazu kommen.

In der verarbeitenden Wirtschaft rund um die Welt vollzieht sich ein dramatischer Wandel, der mit dem Aufstieg der Volksrepublik eng zusammenhängt. China ist nicht nur zum Symbol für die verlängerte Werkbank japanischer Konzerne geworden, sondern verändert durch die Verlagerung von Produktionsstätten in das Reich der Mitte auch die Industriestrukturen in vielen Staaten Europas und in den USA. Aber nicht nur dort. In Südostasien wird die ungeheure Attraktivität Chinas für Direktinvestitionen mit Argwohn beobachtet. Die exportabhängigen Tigerstaaten verlieren erhebliche Marktanteile an China, das durch deflationären Preisdruck den Wettbewerb zusätzlich anheizt.

Peking buhlt um die Gunst Südostasiens

Peking buhlt ebenso wie Japan um die politische und wirtschaftliche Gunst Südostasiens. Das Lockmittel heißt Freihandel. Für viele asiatische Staaten derzeit kein Begriff mit positiver Besetzung, fürchten sie doch eine völlig neue Rollenverteilung in Asien. Je eindeutiger die Giganten des Nordostens um die wirtschaftliche und politische Führung in Asien konkurrieren, desto schneller fallen die Tigerstaaten zurück und werden womöglich auf eine reine Zulieferrolle für Chinas neue Industriegiganten reduziert. Ob die Tiger sich dem Drachen unterordnen oder den Schutz des ungeliebten Japans suchen, wird eine der spannenden Entwicklungen der kommenden Jahre sein.

Der Kampf um die Macht in Asien dürfte Chinas Reformtempo noch beschleunigen. Das betrifft nicht nur die Umsetzung der WTO-Regeln, sondern auch die Sanierung der längst noch nicht für den Weltmarkt reifen Branchen. Dazu gehört der Bankensektor mit dem viel zu hohen Bestand an faulen Krediten - ein Problem das China mit Japan teilt. Dazu gehört aber auch die Liquidierung unrentabler Staatsbetriebe. Das bleibt Chinas wohl größtes Wirtschaftsproblem, hängen an dessen Lösung doch Millionen von Arbeitskräften.

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