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Drachen rechnen

Schauspieler bewegen sich, auf dem Monitor spielen Drachen - in Köln entsteht das bisher größte voll digitale Fernsehprojekt Deutschlands: "Drachenfels" ist der Anfang einer neuen Ära für die TV-Produktion.

llona Paszthy versucht, wie ein kleiner Drachen auf den Arm eines Ritters zu hüpfen. Das ist nicht einfach. Denn so ein Hausdrache hält den Kopf leicht schräg, wenn er hüpft. Ein Mensch jedoch springt mit leicht vorgestrecktem Kopf. Doppelt schwer ist das Ganze, weil der Mann in Ritterrüstung, auf dessen Arm der Drache landen soll, nicht zu sehen ist in der staubigen ehemaligen Fabrikhalle: Er existiert nur im Rechner der Tevox-Studios in Köln-Weidenpesch.

Also versucht die Tänzerin Paszthy, so drachenhaft wie möglich von einem Holzblock aufzuspringen und sich den Ritter vorzustellen. Drachenhaft heißt nicht schlangengleich, sondern eckig und hastig. Gehindert wird sie in der Bewegung von Kabeln, die an Knien, Hüfte, Ellbogen und Schulter befestigt sind und ihre Bewegungen auf einen Monitor übertragen. Jeder Schritt, jeder Sprung und jede Körperdrehung wird über diesen Datenanzug umgewandelt in die Bewegungen eines virtuellen Drachens auf dem Monitor.

"Drachenfels" heißt die 26-teilige Serie, die im Auftrag von Super RTL von der Produktionsfirma GUM gedreht wird. Hauptfigur ist der Drache Stanley Hopper, der im Gegensatz zu allen anderen Drachen bei Menschen aufgewachsen ist. Der trockene Witz des gesellschaftlichen Außenseiters könnte die Serie auch bei Erwachsenen zum heimlichen Kult machen.

E-Techniken bei TV-Produktionen sind hier zu Lande nichts Neues

E-Techniken bei TV-Produktionen sind hier zu Lande nichts Neues. Bereits die Puppen der Kult-Serie "Hurra Deutschland" vor mehr als zehn Jahren wurden digital nachbearbeitet - ebenfalls in den Tevox-Studios im Auftrag von GUM. Doch Drachenfels ist das erste große live-digitalisierte kommerzielle Projekt in Deutschland. Sprich: Die Bewegungen der Schauspieler werden direkt umgesetzt in die Bewegungen der Figuren auf dem Monitor - für TV-Produzenten, vor allem von Kinderprogrammen tut sich eine neue Welt auf.

Auch viele Fernsehstudios sind bereits voll digital, also nur virtuell und nicht real sichtbar. So zum Beispiel das der früheren N-tv-Sendung "Börsenquiz". Dort stand Clarissa Ahlers mitten im Nichts - auf den Bildschirmen lief die blonde Moderatorin jedoch zwischen Stehpulten und ihren Gästen hin und her. Vor acht Jahren startete Pro Sieben ein teildigitalisiertes Experiment: Neben der realen Moderatorin hüpfte der Virtuelle Hugo durchs Bild. Bald soll auch die Fußball-Sendung "Ran" aus einem teils digitalen, teils realen Studio mit Zuschauern gesendet werden. Erste Versuche laufen zur Zeit schon bei der WM-Übertragung.

Was zu Beginn der 90er Jahre vor allem ein Blickfang sein sollte, spart heute Geld. Rund 230 000 Euro kostet eine Folge von "Drachenfels". Vor drei Jahren hätte das selbe Projekt das fünffache Budget verschlungen.

Analoge Aufzeichnungen gehören der Geschichte an

Die analoge Aufzeichnung ist schon lange Geschichte, das digitale Filmen der Szenen längst üblich. Folge: Regisseure können Bildsignale digital nachbearbeiten. Seit rund zehn Jahren ist dies möglich und seitdem bewegt sich vieles digital: Tiere, Menschen, Drachen - und bald Hausstaubmilben. Super RTL produziert zurzeit zusammen mit der Greenlight Media AG die Serie "Acaria", die sich um die Abenteuer von Hausstaubmilben unter einem Mikroskop dreht. Ebenfalls geplant sind eine Feen- und Elfen-Saga sowie eine Serie mit einem Rentier.

Im Handumdrehen entstehen solche Projekte nicht, sagt Peter Kenke, Regisseur von "Drachenfels". Denn nun kollidiert Kunst mit Computer. So soll der kleine Drachen auf einen Tisch springen. Auch die Schauspielerin springt von ihrem Holzblock - doch auf dem Monitor fällt der Drache zu Boden, als ob ein Tisch nicht existiere. "Wie soll ein Computer auch wissen, das Drachen üblicherweise auf Tischen sitzen bleiben?", stöhnt Cutter Robert Kleine. Folge: Der Tisch muss als Fußboden definiert werden. Prompt das nächste Problem: Die Beine des grünen Knuddel-Monsters zappeln quer durch die Tischplatte. Am Monitor, unterstützt von der Software Filmbox 3.2.1, definieren Kenke und seine Crew jedes einzelne Objekt. Von der goldenen Flasche in der Hand des Drachens bis zu den Beinen wird jedes Einzelsegment unabhängig von den anderen gesteuert - mühsam.

An einem normalen Drehtag von acht bis zehn Stunden kommen zwei Minuten Film heraus - wenn?s gut läuft. Würde die herkömmliche Digitaltechnik verwendet, schaffte die Crew aber nicht mehr als zwanzig Sekunden. Denn bisher wurden die Szenen mit Digitalkameras aufgenommen und anschließend per PC komplett nachbearbeitet. Tevox-Chef Stefan Lichter arbeitet in seinem Studio jedoch mit Datenanzügen, die live die menschlichen Bewegungen auf die virtuelle Puppe übertragen.

Ein 2,93 Gigahertz Rechner ermöglicht Korrekturen in Echtzeit

Um die Szenen besser bearbeiten zu können, bauten die Techniker um Regisseur Kenke sogar den einst schnellsten Rechner der Welt: Zwei Prozessoren mit 2,93 Gigahertz sollten Korrekturen in Echtzeit möglich machen. Mittlerweile ist der PC nicht mehr der schnellste der Welt, mindestens ein Konkurrent aus England hat einen flotteren gebaut.

Das größere Problem für die Puppen-Filmer: Der selbst gebaute Rechner hat Aussetzer und wird daher nicht mehr verwendet. Also produzieren die Kölner den Ton vor und unterlegen die Bewegungen in halber Geschwindigkeit. Anschließend übernimmt Robert Kleine die Schlussproduktion. Er rändert aus; das heißt, er stimmt Ton und Bewegung aufeinander ab, um die für Echtzeit-Wirkung nötigen 25 Bild-Frames pro Sekunde zu erreichen.

Der Vorteil der Datenanzug-Technik: Bewegungen der animierten Puppen sehen nicht mehr aus, als würden sie in einem Schwimmbecken gefilmt oder in tiefem Schwamm waten. Was bei der Sendung mit der Maus noch gewollt lustig ausschaut, macht die Wirkung langer Filme oder Serien zunichte, die möglichst echt aussehen sollen.

Allerdings schränkt Tevox-Chef Lichter, zugleich Geschäftsführer von GUM, ein: "Geld verdienen wir mit solchen Produktionen nicht." Das soll später fließen: "Es gibt drei Möglichkeiten, mit solchen Serien Geld zu machen: Über den Verkauf der weltweiten Rechte, wenn die Serie länger läuft als geplant oder wenn wir Folgeaufträge für eine ähnliche Produktion bekommen." Auch "Hurra Deutschland" war nicht wirklich lukrativ - ein Verkauf ins Ausland war kaum möglich. Wie soll ein Brite auch über den lispelnden Lothar de Maizière lachen können? Bei "Drachenfels" könnte das anders aussehen. Die internationalen Rechte besitzt die börsennotierte TV Loonland, der englische Titel "Dragon?s Rock" ist bereits festgelegt, denn die grünen Feuerspeier soll es schließlich überall mal gegeben haben. Und Ilona Paszthys Sprünge - die sind ohnehin weltweit zu verstehen.

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